Blackbox

Die Algorithmen umfassen ein Zeichensystem, mit dem nicht nur ein Befehl ausgeführt wird, sondern das auch das Verhalten eines Systems bestimmt. Dementsprechend stellt sich das Wechselverhältnis Mensch-Maschine dar: Der Mensch erhebt sich als Programmierer über die Maschine, in Analogie zur Allmacht und Allwissenheit Gottes. Omnipotenz und Omniszienz sind in den Worten Norbert Wieners ungenaue Formen, um „sehr große Macht und sehr großes Wissen“ zur Geltung zu bringen (Norbert Wiener, Gott und Golem). Eine solche Sprachbequemlichkeit verwickelt sich in einen Widerspruch, so wie es der Wiener Kreis deutlich unter Beweis stellte, der schlussfolgerte, dass das Absolute, Unendliche und Vollkommenste keiner Wirklichkeit außer dem Bewusstsein und dem menschlichen Denken entsprechen. Demzufolge stellt der Gottesbeweis nach Norbert Wiener eine Wirklichkeitsentfremdung zwischen Gott und den Menschen dar, die dem Zusammenhang von kybernetischen Maschinen und Menschen ähnelt. Betreffend das asymmetrische Verhältnis zwischen den menschlichen und den algorithmischen Kommunikationssystemen ist in meinem Beitrag darauf hinzuweisen, dass laut Norbert Wieners These die Zuschreibung von Macht an die algorithmischen Systeme keine wahren Superlative umfasst, dass aber die Unerreichbarkeit des Erkenntnisses das Innen der Maschinen übertrifft. Algorithmen sind nach Marshall McLuhan der Inhalt eines Mediums, das wiederum ein Medium bildet. Sie sind ihrer Umwelt gegenüber fremde Zeichensysteme – sei es dem Menschen oder einem anderen System gegenüber. Sie antworten lediglich auf ihre eigene Regulierung: den Befehl, den Sollwert zu erreichen.

Die aussagekräftige Besonderheit der kybernetischen Epistemologie – als Epistemologie bezeichne ich jene Mechanismen, mittels derer die zirkuläre Kausalität gelingt, nämlich die Rückkopplung (Heinz von Foerster) – besteht darin, dass die Umwelt als fremder Bestandteil ins System einbezogen ist, insofern es die Ungewissheit darstellt. Bei den informationsbasierten Kommunikationsmedien ist der Raum der Unbestimmtheit ihrer inneren Organisation einem Wert zugeschrieben (Negative Entropie bei Norbert Wiener und Entropie bei Claude von Shannon). Die Ungewissheit ist ein wesentlicher Teil des inneren epistemologischen Zustands der kybernetischen Maschinen. Ebenso entspricht dem der blinde Fleck des Beobachters, der nicht weiß, dass er nicht weiß (Heinz von Foerster).

Das Ziel meines Beitrags besteht darin, den Zusammenhang des gnostischen Denkens und der inneren Beschreibung der kybernetischen Systeme darzustellen. Über die folgenden Punkte wird der Zusammenhang von moderner gnostischer Ontologie der Entfremdung und der Black Box folgendermaßen argumentiert: 1) Unvorhersehbarkeit und Ungewissheit bestimmen die Epistemologie der künstlichen Intelligenz. 2) Das Verhalten eines Systems ist für dessen Umwelt fremd und geheim. 3) Der blinde Fleck der Beobachtungsordnung der kybernetischen Maschinen stellt die Entfremdung seiner eigenen Kontrolle dar. 4) Die entfremdete Umwelt des Systems zeigt sich dem System als negative innere Objektivität des Systems. Sein Innen ist die absolute Entfremdung für das System selbst. Ist die Black Box eines Systems die Vollendung der Negativität?