Taubes

Taubes weist in seinen Schriften und Interviews mehrmals darauf hin, dass er zwar ein Denker der Apokalypse sei, aber in dieser Hinsicht ein jener, der „von unten her“ denkt. Diese Spannung des „oben vs. unten“ kann unserer Ansicht nach im Kontext des 21. Jahrhunderts wieder bzw. erneut operativ gemacht werden, denn der Modus des apokalyptischen Denkens hat die Moderne nie ganz verlassen, vielmehr könnte man sogar stipulieren, dass Ersteres ein operativ-dialektischer Begriff der Letzteren sei. In dieser Hinsicht erachten wir es als wichtig, zunächst auf die Rede der Apokalypse im Kontext Taubes gesichtsphilosophischer Ansichten über das Problem der Eschatologie einzugehen. Der Beitrag von Frau Saratxaga kreist um die Analyse der rhetorischen Rolle der Apokalypse im Kontext des Briefwechsels und Gedankenaustausches zwischen Hans Blumenberg, Jakob Taubes und Carl Schmitt. Es gilt, die Apokalypse als Rede einer historisch-philosophischen Diagnose zu erwiesen, welche schon in der  Metapher Max Webers des „stählernen Gehäuses“ eine Entsprechung fand. Der Kern der Apokalypsetheorien handelt von der Zustimmung oder den Einwänden gegen die These, dass die in der Neuzeit vollgezogene zweite Aufhebung der Gnosis (Eric Voegelin) dem Sieg der Wissenschaft und Technik über alle anderen Lebenssphären zugrunde liegt, welche zu einer absoluten und totalen Entfremdung geführt hat (Elull). Das im Deutschland der Nachkriegszeit von historisch-philosophischen Entfremdungstheorien geprägte Szenario bereitet gemäß Jacob Taubes aber die Grundlage zu einer metaphysisch-religiösen Kehre: Der Ausgang vom „stählernen Gehäuse“ bedeutet vielmehr eine Umkehr der ontologischen Tradition, nach der das Sein vormals dem Nichts übergeordnet war. Es sollte nicht wundern, dass Jacob Taubes im Kontext der Analyse von Heideggers Dekonstruktion der Metaphysik (bzw. der Frage: „Warum ist das Sein und nicht vielmehr das Nichts?) sich in der Nähe zu den Aussagen Niklas Luhmanns.  Demgemäß formt die ontologische Tradition die Voraussetzung für eine Wissenschaft als System und Organisation. Die Apokalypse gilt in dieser Hinsicht als eine Rhetorik zur Erlangung eines Paradigmenwechsels zugunsten einer negativen Theologie. Weitere Herausforderungen für ein solches Denken in unserem Jahrhundert liegen einerseits im Wiedererstarken nationalistischer Ideologien, welche sich als Antwort (bzw. Affekt) auf eine –aus dieser Sicht- misslungenen liberalen Globalisierung ergeben. Um aber wirklich sowohl die Motivation dieser Argumentation als auch den ontologisch-historischen Unterschied zu den Nationalismen des vorigen Jahrhunderts zu verstehen, möchte sich der Vortrag von Herrn Yenimazman auf die Bedingungen der Möglichkeit dieses Denkens fokussieren. Hilfreich scheint hierbei ein Ansatz zu sein, der die Erkenntnisse rund um die Entstehung des despotisch-ödipalen Staates nach Deleuze und Guattari berücksichtigt.

Im zweiten Teil des Vortrags soll ein Bogen gespannt werden, welcher mit der Urszene der Staatsgründung in der Vor- und Frühgeschichte beginnt. Dazu sollen neben Deleuze und Guattari die Einflüsse derselben, d.h. George Dumézil, Jean-Pierre Vernant, Pierre Clastres, Karl Wittfogel, u.a. mit einbezogen werden, um in der Folge diese Erkenntnisse mit einer eschatologischen Deutung von Herrschaft im Kontext von Taubes und Carl Schmitt zu verbinden. Wie Deleuze und Guattari in ihren Schriften anschaulich nachweisen, liegt –um Taubes zu paraphrasieren- das Schlachtfeld des Konfliktes um das ‚Fürstentum der Welt’ in dem, was Lacan als Begehren (desir) bezeichnet. Zusammengefasst heißt dies in etwa, dass wir der verführerischen Macht des Faschismus weder bewusst noch unbewusst entgegen treten können, wenn nicht von vornherein klar ist, dass Ersterer schon immer die Eroberung sowohl des subjektiven als auch kollektiven Begehrens zum Ziel hatte, um darin perpetuiert Einschreibungen und Parzellierungen staatlich-imperialer Macht vorzunehmen. Der Vortrag wird versuchen, das Konzept des Anti-Ödipus an einen eschatologischen Moment zu knüpfen, welcher angesichts des von Frau Saratxaga skizzierten Paradigmenwechsels hin zu einer negativen Theologie erst möglich wird.