Impressum
Cybernetics of Complexity ist der Titel eines Work-in-Progress-Projekts, das eine langjährige Auseinandersetzung mit der Kybernetik zweiter Ordnung und zeitgenössischen Komplexitätstheorien bündelt. Ausgangspunkt ist eine kritische Diagnose gegenwärtiger, computergestützter Epistemologien, in denen die kybernetischen „operativen Epistemologien“ weitgehend in Vergessenheit geraten sind und einer Aktualisierung bedürfen.
Das Projekt wird im Austausch mit der American Society for Cybernetics entwickelt, insbesondere im Rahmen des ASC-26-Treffens im Track „Epistemology After the Algorithm: A Second-Order Cybernetic Intervention“. In diesem Zusammenhang sind Forschungsaufenthalte am Cybernetics Laboratory der Carnegie Mellon University sowie Archivforschungen am Biological Computer Laboratory (University of Illinois) beantragt.

Vom BCL zum Santa-Fe-Institut für Komplexe Systeme
Der erste Teil des Projekts widmet sich einer historischen und epistemologischen Rekonstruktion des Übergangs vom Biological Computer Laboratory (BCL) zum Santa Fe Institute. Ausgangspunkt ist die These – etwa bei Umpleby formuliert –, dass die Institutionalisierung des Santa Fe Institute mit dem Ende des BCL zusammenfällt und einen Paradigmenwechsel von kybernetischen hin zu stärker rechnergestützten und KI-orientierten Ansätzen markiert. Diese These soll durch Archivforschung im BCL- und Santa-Fe-Kontext überprüft werden. Dabei stehen sowohl Kontinuitäten als auch Brüche im Fokus, insbesondere hinsichtlich der Frage, inwiefern die kybernetische Betonung der Beobachtung als konstitutivem Moment von Erkenntnis durch objektivierende, computerbasierte Modellierungsansätze verdrängt oder transformiert wurde.


Der Double Bind zwischen Modellen und Komplexität
Der zweite Teil entwickelt eine theoretische Perspektive auf ein „Double Bind“-Verhältnis zwischen Komplexität und ihrer digitalen bzw. algorithmischen Bearbeitung. In der Logik des Computational Modeling erscheint Komplexität als Eigenschaft einer objektiven Realität, die durch Modelle reduziert, geordnet und berechenbar gemacht werden soll. Modelle fungieren dabei als Ordnungsparameter, die Nichtlinearität und Unbestimmtheit in kontrollierbare Strukturen überführen. Problematisch wird diese Perspektive dort, wo die epistemische Reflexivität verloren geht und Komplexität nicht mehr als erkenntnistheoretisches Problem erscheint, sondern als rein technisches Objekt der Bearbeitung. In diesem Sinne wird KI als Teil eines epistemologischen Double Binds verstanden.
Das Modell als Epistemologie zweiter Ordnung
Demgegenüber betonen kybernetische Ansätze, dass Komplexität nicht unabhängig von Beobachtung existiert, sondern als Ordnung der Beobachtung hervorgebracht wird. Realität erscheint somit als konstruiert durch Beobachter, Modelle und technische Apparate. Diese Perspektive bildet den Ausgangspunkt des dritten Teils, in dem Modelle als epistemologische Konstruktionen zweiter Ordnung analysiert werden. Modelle sind nicht Abbilder einer gegebenen Welt, sondern operative Beobachtungsformen, die selbst beobachtbar und kontingent sind. Diese Sichtweise eröffnet eine reflexive und kritische Perspektive auf digitale Epistemologien.

Die Grenzen der Variabilität
Der vierte Teil widmet sich schließlich der Frage nach den Grenzen von Variabilität: Wie viel Komplexität kann ein System – insbesondere ein modellbasiertes oder algorithmisches – überhaupt erfassen, verarbeiten oder erhalten? Damit rückt die Spannung zwischen Reduktion und Erhalt von Komplexität ins Zentrum der Analyse.
1 From BCL to the Santa Fe Institute for Complex Systems
2 The Double Bind Between Models and Complexity
3 The Problem Is the Solution: The Model as a Second-Order Epistemology
4 The Limits of Variability