Arantzazu Saratxaga Arregi

Die Form des Hohlen. Die negative Ästhetik Jorge Oteizas

Endlich habe ich den zeitlichen Rahmen gefunden, um mich einem Projekt zu widmen, das ich bereits vor Jahren verfolgt und erhofft hatte und das nun konkrete Gestalt annimmt.


Geplant ist die Übersetzung einer Auswahl von Texten aus den Hauptwerken des Künstlers Jorge Oteiza (21.01.1908, Orio – 09.04.2003, Donostia), ergänzt durch verstreute Artikel, programmatische Essays sowie bislang unveröffentlichte oder unzugängliche Texte aus seinem Nachlass. Im Mittelpunkt steht jene ästhetische Theorie, die sein skulpturales Werk begleitet, durchzieht und grundiert – auch wenn Oteiza sich selbst stets als einen integralen Künstler verstand und beschrieb.

In diesen Arbeiten entwickelt Oteiza eine Form der „negativen Ästhetik“: eine Ästhetik der Ent-besetzung (des Räumes). Sie ist Teil einer ästhetischen Auffassung, der zufolge das ästhetische Sein einer Dynamik der Veränderung unterliegt, die durch die Freisetzung des Raumes auf Entleerung zielt. Darin vollzieht sich die Vollendung eines ästhetischen und philosophischen Denkens der Leere: im Nullpunkt, im Punkt der Negation, in der Höhlung als Form der Leere, des geistigen Schutzes und der innersten Verborgenheit.

Cover des Buches: Jorge Oteiza, La ley de los cambios. Pamplona: Pamiela, 1990.

Ent-besetzungen (des Räumes)

 
Freisetzung der Sphäre. Schlussfolgerung für Mondrian, 1958.74.
Desocupación de la esfera/
Conclusión para Mondrian, 1968-74
Freisetzung des Zylinders / Öffnung des Zylinders 1957
Desocupación del cilindo/Apertura del cilindro, 1957
Theorem der kubischen Freisetzung / Anmerkung zu einer Freisetzung des Raumes 1956.
Teorma de la desocupación cúbica/Notación para una desocupación del muro, 1956

Die Formung von Hohlräumen erzeugt im Lichteinfall eine Perspektive, eine Offenheit innerhalb der Geschlossenheit der Verräumlichung. Durch das Hohle eröffnet sich ein Blick zum Himmel, der zugleich Schutz und Geborgenheit gewährt.

Diese Offenheit manifestiert sich in unterschiedlichen Gestalten des Hohlen – als Loch, Perforation, Öffnung oder Hohlform –, ebenso aber in ihrer Negativität: in geschlossenen Kästen mit einer minimalen Öffnung, die den Blick in ihr Inneres freigibt.

Stein mit Lichtmodulen 1957
Piedra con módulo de luz 1957

Die Suche nach der Schaffung von Offenheit im Tunnel durch das Klopfen des Steins war Oteizas zentrales Anliegen: Der zum Himmel gerichtete Kopf des Pferdes – wie der Pferdekopf in Picassos Guernica, der in den offenen Himmel hinausschreit – erscheint als Ausdruck einer spirituellen Übung durch Kunst. In Anlehnung an – und zugleich in Absetzung von – Loyola, der seine Erfahrung als Soldat in eine tiefgreifende Spiritualität verwandelte und mit den Exerzitien eine Praxis der inneren Prüfung und geistigen Ausrichtung schuf, in der das Leben als Kampf zwischen Gut und Böse begriffen wird, entwarf auch Oteiza eine Form geistiger Übung.

Seine Exerzitien vollziehen sich jedoch durch und mit der Kunst: nicht als Strategie der Disziplinierung oder Optimierung, sondern als Praxis der Entleerung, des Blicks in die Offenheit, auf die Leere selbst. Die Skulptur erscheint bei ihm daher nicht mehr als autonomes Objekt, sondern als ein Erkenntnis- und Transformationsraum, dessen Ziel letztlich die geistige und existentielle Öffnung des Menschen ist: die Öffnung und Freisetzung des Raumes, in der der leere Raum als eigentliche Topologie ästhetischer Erfahrung sowie als geistiger – spiritueller, transzendentaler – Raum hervortritt.

Gerade diese Offenheit ermöglicht dem Menschen, im Schutzraum der Kunst eine Erfahrung zu machen, die über die menschliche Kondition hinausweist und das Transzendentale berührt.

Nicht ohne Grund wandte sich Oteiza früh den präkolumbianischen Kunstformen zu. Die intensive Auseinandersetzung mit präkolumbianischer und prähistorischer Kunst begleitete ihn während seiner Jahre in Lateinamerika, insbesondere das Interesse an megalithischen Konstruktionen. Ebenso prägten ihn die Strömungen des mexikanischen Muralismus. Daraus entwickelte sich ein Werkverständnis, das Forschung, künstlerische Praxis und kulturphilosophische Reflexion miteinander verband.

Daraus entwickelte sich zugleich die Idee einer „Neuen Kunst“: einer Kunst, die sich vom europäischen Kolonialismus Amerikas löst und eine neue Weise des Sehens und Denkens eröffnet. Ausdruck dieser Programmatik ist der während seines Aufenthaltes in Lateinamerika veröffentlichte Text Brief an die Künstler Amerikas. Über die neue Kunst der Nachkriegszeit (1944) (Carta a los artistas de América. Sobre el arte nuevo en la postguerra). Darin ruft Oteiza die Künstler Amerikas dazu auf, nach dem Kubismus eine neue Kunst zu schaffen, lehnt kulturelle Isolation ab und betont die soziale Rolle des Künstlers.

Es ist die Vorstellung einer Kunstform, die die verdrängte Tragödie der Geschichte erneut ins Bewusstsein ruft und nach einer ursprünglicheren Beziehung zwischen Mensch, Raum und Gemeinschaft sucht.

Gerade hierin zeigt sich die programmatische Dimension der historischen Avantgarden und der Moderne, innerhalb derer Oteizas Werk seinen Ort findet. Sein künstlerisches Anliegen steht in der Tradition jener modernen Suche nach einer Erneuerung der Kunst, die nicht allein formaler Natur ist, sondern zugleich anthropologische, spirituelle und gesellschaftliche Fragen berührt. Der Zugang zu den internationalen Avantgarden eröffnete Oteiza eine vertiefte Auseinandersetzung mit den zentralen Fragestellungen der modernen Kunst: mit Abstraktion, Raum, Geometrie und der Auflösung der traditionellen Skulptur. Zugleich verstand er die Avantgarde nicht bloß als formale Innovation, sondern als Möglichkeit geistiger und kultureller Erneuerung.

Inmitten dieses kulturellen Klimas stand Oteiza nicht nur in intellektuellem Austausch, sondern auch in persönlichem Kontakt mit zentralen Figuren der modernen Kunst sowie des Bauhauses beziehungsweise dessen Umfelds. Diese Begegnungen prägten die theoretische und plastische Entwicklung seines Werkes entscheidend.

1956–1957 wurde Jorge Oteiza auf der IV. Biennale von São Paulo für sein Projekt Propósito experimental mit dem Preis für Skulptur ausgezeichnet. Dort präsentierte er eine Reihe von zehn plastischen Familien, in denen er seine skulpturalen Forschungen systematisch zur Entfaltung brachte. Für Oteiza bedeutete dieses Projekt zugleich den Endpunkt seines experimentellen Weges: Die skulpturale Untersuchung sei an ihren Abschluss gelangt; nun müsse sich die Kunst unmittelbar auf den Menschen richten.

Die darauffolgenden Phasen seines Werkes bestehen vor allem in der theoretischen Vertiefung und Weiterführung jener skulpturalen Forschungen, die im Propósito experimental bereits grundgelegt waren. Im Zentrum steht nun die experimentelle Vollendung der Exploration der Entbesetzung des Raumes in der Form des Hohlen.

Dabei geht es um die Suche nach einer Dimensionalität des Raumes, die sich nicht mehr allein visuell oder formal erschließt, sondern erst in der Erfahrung des Inneseins der Hohlform. Der leere Raum wird zum Erfahrungsraum; die Skulptur erscheint nicht länger als bloßes Objekt, sondern als Ort existenzieller Erfahrung und Begegnung.
Offene Verzwillingung 1957
Macla abierta 1957.
Konjunktive Verzwillingung für konvergente Leerformen (mit zwei geöffneten Malewitsch-Kuboiden von 1957) 1972
Macla conjuntiva para vacío convergente (con dos cuboides Malévich abiertos en 1957)1972.

Disjunktive Verzwillingung für divergente Leerformen (mit zwei geöffneten Malewitsch-Kuboiden, 1957) / Stele für Gabriel Aresti, 1973
Macla disyuntiva para vacíos divergentes (con dos cubboides Malévich abertso en 1957) /Estela para Grabriel Aresti
Erste Variante: Verkettete Leerformen/ Leere Konstruktion mit vier flächigen positiven und negativen Einheiten, 1957
Primera variante Vacios en Cadena/Construccion vacias con cuatro unidades planas positivo negativo, 1957.
So wird Kunst zum Erlebnis – und Erfahrung wiederum zu einem verborgenen, beinahe sakralen Raum des Seins.
Leerer Kasten. Experimentelle Schlussfolgerung 1958
Caja vacía/conclusión experimental n1 1958
 
Metaphysischer Kasten durch Konjunktion zweier Trieder 1958-1962
Caja metafísica por conjunción de dos triedros 1958-1962.

...sowie zu einer politischen Schule des Bewusstseins für ein neues menschliches Zusammenleben.

Hohlform – als paradigmatische architektonische Gestalt jener Leere, die Oteizas Denken und Werk durchzieht. Für ihn verkörpert der Chromlech keinen monumentalen Raum, sondern vielmehr eine räumliche Setzung der Offenheit: einen durch Begrenzung freigegebenen leeren Raum, dessen Bedeutung gerade in der Öffnung des Innenseins liegt.

Oteiza erkennt darin eine kulturelle Grundfigur des vorindoeuropäischen baskischen Volkes, deren Spuren sich bis in Sprache, Spielformen und Sonematik hinein erhalten hätten. Die baskische Vorstellung der Leere – utsa beziehungsweise hutsa – wird dabei nicht als bloßes Nichts verstanden, sondern als reiner, offener und geistig aufgeladener Raum. Gerade in dieser Leere offenbart sich die Möglichkeit eines anderen Verhältnisses von Mensch, Raum und Gemeinschaft: nicht als Besitz oder Besetzung des Raumes, sondern als Erfahrung einer gemeinsamen, verborgenen Offenheit – einer zugleich verborgenen und offenen Gemeinschaft.

Cromlech von Mendiluze
Mendiluze Harrespila, Araba
..als Nullpunkt der Entsetzung des Raumes: ein reiner, offener und geistig aufgeladener Raum, in dem sich Erfahrung, Transzendenz und Gemeinschaft erst ereignen können.

Der Grundgedanke dieses Projekts besteht in der Zusammenstellung ausgewählter Texte aus unterschiedlichen Schriften, die dem roten Faden der Ent-besetzungen (des Räumes) folgen. Die Publikation möchte jene ästhetischen, philosophischen und spirituellen Dimensionen sichtbar machen, die Oteizas Denken und Werk durchziehen und in seiner Theorie der Leere ihren Ausdruck finden.


Wir freuen uns auf den Moment, in dem dieses Buch das Licht der Öffentlichkeit erblickt.