Ein wunderbares Zusammenfließen von Fragen, Gedanken und Begegnungen, das dort möglich wird, wo das Zuhören sich selbst zuhört
Ein wenig Geschichte
Die American Society for Cybernetics (ASC) wurde 1964 in Washington, D.C. gegründet, gut zehn Jahre nach der letzten der Macy-Konferenzen, die zwischen 1946 und 1953 stattfanden.
Die Macy-Konferenzen waren eine Reihe interdisziplinärer Treffen, bei denen Wissenschaftler aus unterschiedlichen Fachrichtungen zusammenkamen, um Rückkopplung, Kommunikation, Steuerung und zirkuläre Prozesse in technischen, biologischen und sozialen Systemen zu untersuchen. Bemerkenswert war dabei eine Form von Interdisziplinarität, bei der nicht die Grenzen einzelner Disziplinen im Vordergrund standen, sondern gemeinsame Fragen und Probleme, an denen unterschiedliche Denkweisen aufeinandertrafen.
Die dort verhandelten Fragen wirkten weit über die Konferenzen hinaus. In der Nachkriegszeit entwickelten sich in enger Verbindung mit ihnen zahlreiche Forschungsrichtungen und Anwendungsfelder – von Robotik und neuronalen Netzen über maschinelles Lernen bis hin zu Organisation und Management. Vieles davon wird heute unter dem sehr allgemeinen und entsprechend wenig trennscharfen Oberbegriff „Künstliche Intelligenz“ zusammengefasst. Dabei haben diese Felder unterschiedliche historische Ursprünge, Fragestellungen und Entwicklungslinien. Eine kybernetische Perspektive kann helfen, diese Unterschiede ebenso wie ihre Verbindungen wieder sichtbar zu machen.

Die Gründung der ASC lässt sich als eine gewisse Kontinuität und Erweiterung dieser Bewegung verstehen: das Interesse daran, kybernetische Fragen über einzelne Disziplinen hinweg gemeinsam weiterzuverfolgen. Diese Kontinuität zeigte sich auch personell. Warren McCulloch wurde der erste gewählte Präsident der ASC; Heinz von Foerster gehörte zu ihren Ehren-Gründern und war über mehrere Jahre Vorsitzender des Board of Directors. Beide stellten eine direkte Verbindung zu den Macy-Konferenzen her.

Mit der Entwicklung automatisierter Maschinen entstanden zugleich Fragen, die über deren technische und operative Funktionsweise hinausgingen. Technologie trat in Wechselwirkung mit sozialen Systemen und war damit nicht nur Gegenstand technischer Forschung, sondern warf neue Fragen nach Beobachtung, Erkenntnis, Kommunikation und Entscheidung auf. Die Maschine wurde damit auch epistemologisch interessant: wie verändern technische Systeme die Bedingungen, unter denen beobachtet und entschieden wird? Aus diesen Fragen gewann ein erkenntnistheoretischer Zweig der Kybernetik an Bedeutung, der später unter anderem mit konstruktivistischen Ansätzen verbunden wurde.
Das Biological Computer Laboratory (BCL) an der University of Illinois, das Heinz von Foerster von 1958 bis 1975 leitete, war einer der Orte, an denen solche Fragen verfolgt wurden. Interessanter ist, dass technische Entwicklungen zugleich Fragen nach Erkenntnis, Beobachtung und Verantwortung aufwarfen. Technologie entstand nicht losgelöst von der Frage, welche Wirklichkeiten wir mit ihr hervorbringen.
Auch später entstanden immer wieder neue Orte und Formen des Austauschs, etwa die Gordon Research Conferences on Cybernetics in den 1980er Jahren.
Vielleicht spielte dabei gerade eine Rolle, dass die Kybernetik keine dauerhafte eigene institutionelle Heimat an den Universitäten fand. Es gab Forschungsorte wie das BCL, Gesellschaften wie die ASC und immer wieder neue Konferenzen und Zusammenkünfte, aber keine Institution, die das Feld als Ganzes dauerhaft trug. Vielleicht entstand gerade daraus die Notwendigkeit, immer wieder Orte zu schaffen, an denen Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenkommen und kybernetische Fragen gemeinsam weiterdenken konnten


Und vielleicht liegt genau darin etwas, das die Kybernetik bis heute zusammenhält: die Verantwortung für eine Art von Weltordnungsschaffung – unabhängig davon, aus welcher Disziplin und institutionellen Verortung heraus sie geschieht.
Heute,

Diese Geschichte setzt sich in der heutigen ASC fort. Aus der 1964 in Washington gegründeten Gesellschaft ist inzwischen eine internationale Gemeinschaft geworden. Kybernetik wird dabei ausdrücklich als inter-, trans- und metadisziplinäres Feld verstanden. Ihre Mitglieder arbeiten in sehr unterschiedlichen Bereichen – von Biologie und Lebenswissenschaften über Kunst, Medizin und Therapie bis hin zu Mathematik, Ingenieurwissenschaften, Design, Management und Wirtschaft.
Im Zentrum steht dabei die Beobachtung des Beobachters. Eine Beschreibung eines Systems kann nicht unabhängig von demjenigen gedacht werden, der beobachtet, unterscheidet und beschreibt. Der Beobachter steht nicht außerhalb dessen, was er beobachtet: Er trifft Unterscheidungen, beschreibt Beziehungen und ist selbst in Rückkopplungen und zirkuläre Prozesse eingebunden. Damit wird auch die Vorstellung einer vom Beobachter vollständig unabhängigen Objektivität fragwürdig.
Daran schließen Fragen der Selbstreferenz und konstruktivistische Überlegungen an. Wirklichkeit wird nicht einfach als etwas Vorgegebenes abgebildet, sondern im Prozess des Unterscheidens, Beobachtens und Beschreibens konstruiert. Mit der Autopoiese von Humberto Maturana und Francisco Varela kommt die Frage hinzu, wie lebende Systeme sich durch ihre eigenen Prozesse organisieren und erhalten.
Relationen, Kommunikation, Rückkopplung und Zirkularität werden damit entscheidend. Und sobald der Beobachter selbst in die Beobachtung einbezogen wird, stellt sich auch die Frage nach Verantwortung: für die Unterscheidungen, die wir treffen, für unsere Beschreibungen und Handlungen und für die Wirklichkeiten, die wir damit hervorbringen.
Confluence
Diese ASC-Konferenz hatte den Untertitel „Confluence“: Flüsse, die ineinander münden; das Fließen des Wassers, das Zusammenfließen. Und das ist wirklich gelungen.
„Confluence“ bezog sich dabei auf einen Gedanken des brasilianischen Denkers und Aktivisten Nego Bispo. Bei ihm bedeutet Zusammenfließen gerade nicht Assimilation oder Homogenisierung. Unterschiedliche Weltanschauungen, Praktiken und Formen des Wissens können zusammenkommen, ohne ihre Eigenständigkeit aufgeben zu müssen. Wie Flüsse, die zusammenfließen und dabei stärker werden, können Unterschiede einander verstärken und neue Möglichkeiten des Zusammenlebens und Wissens hervorbringen. Der Begriff steht in einem dekolonialen und gegenhegemonialen Zusammenhang: Es geht um eine Pluralität, die Unterschiede nicht beseitigt, sondern aus ihnen neue Beziehungen und Möglichkeiten entstehen lässt.
Die ASC 2026 nahm diesen Gedanken auf und fragte danach, wie Kybernetik selbst an solchen Konfluenzprozessen teilnehmen kann – in Begegnungen und Experimenten mit Kunst, Design, Technologie, Ökologie und situiertem Wissen.
Diese Idee spiegelte sich in den verschiedenen Tracks der Konferenz wider. Die Themen reichten von Stafford Beers Organisationskybernetik und ihren Verbindungen zu Lateinamerika über pluriversales und mehr-als-menschliches Design, hybride biologische und digitale Systeme und ökologische Zukunftsentwürfe bis hin zu indigenem Wissen, KI, Kartografie und Fragen algorithmischer Epistemologie. Andere Beiträge beschäftigten sich mit Second-Order Cybernetics, Reflexivität, Modellierung und der Frage, wie unter Bedingungen von Unsicherheit gehandelt werden kann.
Besonders deutlich wurde der Gedanke der Confluence im Plenum „Conversational Confluences“. Hier wurden traditionelles und situiertes Wissen und Kybernetik nicht nacheinander präsentiert, sondern tatsächlich miteinander ins Gespräch gebracht. Beteiligt waren unter anderem Menschen aus dem Assentamento Terra Vista und dem Netzwerk Teia dos Povos, aus dem Coletivo Borum-Kren Vivos e Fortes sowie aus weiteren lokalen und regionalen Zusammenhängen. Traditionelle Praktiken, Erfahrungen und Formen des Wissens begegneten kybernetischen Begriffen und Denkweisen. Es ging dabei nicht darum, das eine durch das andere zu erklären, sondern um Berührungspunkte – und um die Frage, was geschieht, wenn unterschiedliche Formen des Wissens einander zuhören und aufeinander reagieren.
Eine weitere, diesmal historische Confluence mit Lateinamerika zeigte sich in der Session zum 100. Geburtstag von Stafford Beer. Allenna Leonard und Carlos Senna, der selbst am Project Cybersyn beteiligt gewesen war, erinnerten an Beers Arbeit in der Region. Dabei ging es nicht nur um das bekannte Project Cybersyn in Chile, sondern auch um weniger bekannte Projekte und Kooperationen in Mexiko, Uruguay, Venezuela und Kolumbien. Sichtbar wurde damit eine Geschichte kybernetischer Ideen, die in unterschiedlichen politischen, sozialen und kulturellen Situationen aufgenommen, verändert und praktisch erprobt wurden.
Interessant war weniger die Vielfalt der Themen an sich als das, was zwischen ihnen entstehen konnte. Kunst, Technologie, Ökologie, Design, indigene und traditionelle Wissensformen, KI und kybernetische Fragen kamen in unterschiedlichen Konstellationen miteinander ins Gespräch. Beeindruckend waren dabei jene unerwarteten Begegnungen, in denen man plötzlich von etwas Neuem erwischt – und selbst entdeckt wird.
Gespräche, in denen nicht von vornherein feststeht, wohin sie führen. Kommunikation über Regelung und Steuerung hinaus: ein außer Kontrolle ablaufendes Aufeinandertreffen. Als ob sich darin bereits eine dem System selbst nicht gewusste, sondern erst zu erfahrende und zu lernende Intentionalität, ein Purpose, ein Grund oder eine Entelechie zeigt – dem Beobachter durch seine eigene Verwicklung nicht zugänglich und dennoch vollkommen operativ.
Eine andere schöne Erfahrung war die Intergenerationalität der Menschen, die sich dort trafen. Unter den Teilnehmenden waren Schülerinnen und Schüler jener Persönlichkeiten, die die Kybernetik wesentlich geprägt haben, ebenso wie jüngere Generationen, die diese Menschen und die unterschiedlichen kybernetischen Strömungen zunächst aus Büchern oder Erzählungen kannten.
Es war genau das „Confluence“: nicht nur das Zusammentreffen unterschiedlicher Disziplinen, sondern unterschiedlicher Generationen, Geschichten, Erfahrungen, Weltanschauungen und Zugänge zur Kybernetik – und eine Konferenz, die ihnen Zeit ließ, miteinander zu reden. Im Sinne Nego Bispós konnten sie nebeneinander bestehen, sich begegnen und sich gegenseitig verstärken.