Arantzazu Saratxaga Arregi

Elena Asins und die Kryptographie der Form

Aus Anlass meines neuelichen Aufenthalts im Baskenland – im Zusammenhang mit meinem Übersetzungsprojekt zu den ästhetischen Schriften Jorge Oteizas – begegnete ich, weniger zufällig als vielmehr in einem kairotischen Zeitpunkt, einer Ausstellung zum Werk von Elena Asins im Kubo Aretoa (Kursaal) in Donostia, kuratiert von Juan Pablo Huercanos.
Die Ausstellung war großartig, hervorragend kuratiert – und ihre Entdeckung ein kleines Wunder. Was folgt, sind einige Überlegungen zu Elena Asins’ künstlerischer Laufbahn, ihrem Werk und den Fragen, die es durchziehen.

Elena Asins (Madrid, 2. März 1940 – Azpirotz, Navarra, 14. Dezember 2015) war eine bedeutende bildende Künstlerin und gehörte zur ersten Generation, die Computerkunst einsetzte.

Vom Expressionismus der Form zu geometrischen Gestaltungen

Die Sprache Mondrians erweist sich in ihrer essenziellen Reduktion als nahezu unvermeidlicher Ausgangspunkt für neue plastische Überlegungen. Unter seinem Einfluss entwickelte Elena Asins ein besonderes Interesse am Expressionismus der Form und wandte sich zunehmend geometrischen Gestaltungen zu, deren Grundlage Maß, Ordnung und räumliche Struktur bildeten.

„Mein Interesse an der gesamten geometrischen Gestaltung des Raumes lag vor allem in dessen Vermessung. Daher rührt auch die Betonung rein linearer Strukturen, die im Verlauf ihres Prozesses die Farbe nach und nach zurückdrängten.“

Rechenzentrum der Universität Complutense Madrid

Bis 1968 war Elena Asins’ künstlerische Entwicklung wesentlich von der Suche nach Ordnung, Struktur und formaler Präzision geprägt. Einen entscheidenden Impuls erhielt sie in diesem Jahr am damaligen Rechenzentrum der Universidad Complutense in Madrid, wo Informatikseminare zur „automatischen Generierung plastischer Formen“ und zu „berechenbaren Formen“ ihre Fähigkeit zu Analyse, systematischer Ordnung und kontrollierter Strukturierung nachhaltig beeinflussten. Dabei setzte sie sich intensiv mit den Möglichkeiten algorithmischer Gestaltung auseinander und erhielt zugleich eine Ausbildung in computergestützter Logik, die für ihr späteres Werk grundlegend werden sollte..

Vom Expressionismus der Form zur seriellen Ordnung: Begegnung mit der Aesthetische Information Max Benses

In Stuttgart gewannen die zunächst noch diffusen Ideen der Informationstheorie konkrete Gestalt — in den Strukturen einer neuen seriellen Ordnung.
Struktur und serielle Ordnung prägen das Werk von Elena Asins und stehen im Einklang mit der operativen Geschlossenheit computergestützter Algorithmen und ihrer iterativen Logik. Diskrete Zeichen und iterative Wiederholungen bestimmen eine mathematisch paradoxe Informationsgrammatik: in ihrer Organisation geschlossen, in ihrer Codierung jedoch offen. Genau diese informationelle Sprache wollte Asins in die bildende Kunst übertragen.
Zwischen 1966 und 1973 widmete sie einen Teil ihrer Zeit der experimentellen Poesie und stand dabei in engem Kontakt mit Max Benses Aesthetica, seiner Abhandlung zur numerischen Ästhetik. Darin werden bestimmte „ästhetische Zustände“ beziehungsweise „ästhetische Realitäten“ mithilfe arithmetischer und statistischer Rechenschemata gestalttheoretisch und informationstheoretisch bestimmt, klassifiziert und messbar gemacht.

Für Asins bedeutete die Arbeit mit algorithmischen Strukturen weit mehr als eine bloße technische Methode. Sie verstand darin eine eigene Logik des Gestaltens — geprägt von Zirkularität, Iteration und differenzieller Wiederholung. Durch Schleifenprozesse und rekursive Verfahren entstehen fortlaufend neue Formen aus bereits erzeugten Strukturen; Linien entwickeln sich kontinuierlich weiter und eröffnen ein Spiel zwischen Ordnung, Variation und potenzieller Unendlichkeit.

Dieses Denken wurde unter anderem durch Ludwig Wittgensteins Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik (ca. 1937–1944) beeinflusst. Dort erscheint Mathematik nicht als abstraktes System ewiger Wahrheiten, sondern als eine Form von Grammatik: als Regelwerk, das den Gebrauch von Zeichen und Begriffen organisiert. Mathematische Axiome sind demnach weniger Repräsentationen von Ideen als vielmehr operative Strukturen innerhalb einer Sprache. In dieser Verbindung von Regel, Struktur und Offenheit fand Asins eine entscheidende theoretische Grundlage für ihr eigenes künstlerisches Arbeiten.

Kryptologie statt grafischer Kunst

Elena Asins verstand ihre Arbeiten weniger als rein grafische Kompositionen denn als eine Form visueller Kryptologie. Diagramme, Zeichenfolgen und strukturierte Systeme durchziehen ihr gesamtes Werk und treten insbesondere seit ihrer Arbeit mit Computern deutlich hervor. Jedes Element besitzt für sie Bedeutung; selbst minimale Verschiebungen und kleinste Variationen tragen semantisches Gewicht. Kunst erscheint dabei nicht als durch Deutung entfremdetes Zeichen oder als von Natur und Leben getrennte ästhetische Oberfläche, sondern als Ausdruck einer den Dingen selbst innewohnenden Ordnung und Präzision, deren Bedeutung zu entziffern ist.

Menhir 2

Mit der Werkreihe Menhir führte Elena Asins ihre Auseinandersetzung mit Raum, Ordnung und serieller Struktur auf architektonischer Ebene fort. Die Arbeit besteht aus einer Reihe von vierzig miteinander verbundenen Elementen, deren Anordnung nicht zufällig, sondern nach einem präzisen kombinatorischen System organisiert ist. Dieses folgt denselben Gesetzmäßigkeiten, die bereits ihrer Dolmen-Serie zugrunde lagen, verlagert die Struktur jedoch von einer überkreuzten hin zu einer linearen Lesbarkeit: Die Elemente entfalten sich nacheinander innerhalb eines räumlich-zeitlichen Kontinuums.

„Nachdem die Notwendigkeit der vorherigen Konstruktion erfüllt war, begann ich, einen Tempel für das Leben und die Stille zu erahnen und zu ersehnen — einen Ort der Meditation in einem zugleich architektonischen, bewohnbaren, klaren und erhabenen Raum. (…)Während die Besetzung des zweidimensionalen Raumes den Blick auf die Betrachtung der acht zweidimensionalen Menhire lenkt, die den neutralen Raum der umgebenden Wand einnehmen, zeigen diese in ihren jeweiligen Positionen die acht Möglichkeiten, die ein Menhir besitzt, wenn sein Winkel entsprechend der Bewegung der Zeiger einer Uhr gedreht wird.“

Elena Asins