Arantzazu Saratxaga Arregi

Kategorie: Matrixiale

  • Du bist nicht von deiner Mutter gelesen. Sie spricht weder noch liest Derridianisch.

    Du bist nicht von deiner Mutter gelesen. Sie spricht weder noch liest Derridianisch.

    Die sexuelle Differenz lesen von Hélène Cixous, Jacques Derrida. Übersetzt und mit einem Essay versehen von Claudia Simma. Turia + Kant, Wien/Berlin 2023.

    Hélène Cixous hat Angst

    „Ich habe Angst“ (…) „Die Frage beziehungsweise Angst, diese ‚Geschichte‘ der „sexuellen Differenz“ (S. 12).

    Hélène Cixous hat Angst. Sie ergreift das Wort (S. 9). Im Innersten ist sie gerührt. Sie sitzt in einem Saal, um über die sexuelle Differenz zu sprechen, über einen erzählten Traum, der den Titel Fourmis trägt, für den Jacques Derrida das Wort ergreift.

    Das Buch „Die sexuelle Differenz lesen“ enthält zwei Vorträge, die im Rahmen eines Kolloquiums des Collège International de Philosophie gemeinsam mit dem Centre d’Études Fémenines de l’Université Paris-VIII in Paris vom 18. bis 20.10.1990 gehalten wurden. Sie wurden 1994 publiziert und 2023 hat der Verlag Turia + Kant sie unter dem Titel „Sexuelle Differenz lesen“ erneut veröffentlicht. Claudia Simma, die Übersetzerin der gemeinsam verfassten Rede, schrieb das Nachwort, in dem sie die sexuelle Differenz liest, welche Cixous liest, die Derrida liest.

    Wovor hat Hélène Angst? Wenn sie das Wort ergreift, ist sie von der Unheimlichkeit der sexuellen Differenz ergriffen. Ja, sie ist ihr sehr vertraut, sogar „extrem vertraut“ (S. 14). Heimlich und zugleich „zu fremd“ (S. 14) ist ihr die sexuelle Differenz. Sie spricht als Frau und als Frau kennt sie die sexuelle Differenz sehr gut; „wir als Frauen kennen sie gut“ (S. 14). Doch bleibt sie ihr und uns immer noch unbekannt (S. 14).

    Wenn sie das Wort ergreift, ist sie von Angst ergriffen. Angst bricht den Diskurs ab, und um ihr zu entrinnen, muss sie einen anderen Weg als die Ansprache finden, um darüber zu sprechen, was sie vom Reden abhält. Weder die wissenschaftliche Diskussion der Klassifizierung von Geschlechtern noch die epistemologische Kritik an der Anordnung von Arten sind die Auslöser einer solchen Beklemmung. Was ist die Geschichte der sexuellen Differenz? Ist sie vielleicht doch ein Märchen? (S. 12)

    Welche ist dann diese Geschichte?

    …Sie ist die Geschichte der Lesbarkeit

    Die Geschichte der sexuellen Differenz ist die Geschichte ihrer Lesbarkeit. Es geht um die Lesbarkeit der sexuellen Differenz, nicht aber deren Schreibbarkeit. Sie ist gelesen. Das ist der Appel, um welchen das indirekte Gespräch zwischen Hélène Cixous, Jacques Derrida und Claudia Simm kreist.

    Durch die sexuelle Differenz ist die Differenz zu lesen. Diese Aussage irritiert so sehr, dass man sofort an den Ursprung der Lesbarkeit denkt und sich weitere Fragen stellt: Wie wurde sie geschrieben? Wurde sie aufgeschrieben? Wer hat sie geschrieben? Gleicht nicht aber die Geschichte des Lesens der Geschichte des Schreibens?

    Es gibt kein Lesen ohne Schrift. Das Lesen ist eine Entzifferung dessen, was aufgeschrieben ist. Mit oder ohne Anspruch zu verstehen, was verschriftlicht ist, ist die Lesbarkeit der Auslegung dessen, was aufgeschrieben ist, vorausgesetzt. Im Umkehrschluss setzt die Schrift das Lesen voraus. Das Lesen markiert die Sinndeutung dessen, was geschrieben ist, indem das Geschriebene den Sinnhorizont öffnet. Die Hermeneutik des Lesens beruht in dieser Hinsicht auf der zirkulären Logik, welche sie einschließt: Das Lesen setzt die Schrift voraus, die Schrift ist die Markierung einer Differenz beim Lesen. Ohne Lesbarkeit gibt es kein Schreiben, ohne Schreiben ist nichts zu lesen. Das macht allerdings den Zugang zum Ursprung des Lesens schwer: Sich des Ursprungs der Lesbarkeit zu begeben, bringt nichts mehr, als die Geschlossenheit des Kreislaufs zu begehen: kein Lesen ohne Schreiben. Kein Schreiben ohne Lesen.

    Derrida hatte schon das Problem des Zirkelschlusses Lesen/Schreiben geschildert, als er Platon, der der Schrift die Qualität eines pharmakons zuschrieb, ausführlich kommentierte. Die Schrift kündigt das Ende der mündlichen Überlieferung göttlicher Botschaften an, als Philosophie und Dichtung immer noch zusammengehörten und diese in Form von Dialogen aufgeschrieben wurden. Botschaften, die von Göttern vermittelt wurden, werden nicht von Mund zu Mund übermittelt, sondern sie werden aufgeschrieben. Die Schrift ist ein pharmakon, eine Technik, mittels derer die Aufbewahrung von Botschaften auf die Materialität eines Trägermediums übertragen wird. Ein Heilmittel, sofern die Schrift dazu beiträgt, die Mitteilungen massiv zu verbreiten; giftig, sofern man sich nicht mehr bemüht, diese im Speicher der Seele zu bewahren. Dann ist der Teufelskreis der bedingten Wechselwirkung erfolgt: keine Schrift ohne deren Lesbarkeit.

    Die Paradoxie des hermeneutischen Kreises des Lesens, die Derrida anhand des Textes Platons behandelte, setzt eine Asymmetrie voraus. Lesen/Schreiben verstricken sich im Circulus vitiosus der Bedingtheit, weil ein und dasselbe nicht dasselbe sind. Das heißt, das Gelesene stimmt nicht mit dem Geschriebenen eins zu eins überein. Beide berühren sich, Lesen und Schreiben. Sie sind dasselbe, sofern das Gelesene das Geschriebene ist, doch das Gelesene nicht durch das Geschriebene ersetzt werden kann, folglich sind sie doch nicht dasselbe. Der Ausweg aus dieser Paradoxie ist die Übersetzung. Die Lesbarkeit der sexuellen Differenz hängt ab vom Widerstand ihres eigenen Ersetzens Wort durch Wort.

    Es handelt sich hier nicht darum, ob die Bedeutung des einen die Bedeutung des anderen ersetzen kann. Es geht um eine Transduktion, in den Worten von Michel Serres. Denn jede Übersetzung zeigt die Unmöglichkeit des vollständigen Ersetzens, nämlich eines Wortes durch ein anderes Wort, eines Ausdrucks durch einen anderen. Ein vollständiges „Setzen“ oder „Ersetzen“, scheint unmöglich (S. 50).

    …oder eine der Übersetzung

    Wenn Cixous und Derrida sich ans Lesen der sexuellen Differenz wagen, wagen sie deren Übersetzung und die Lesbarkeit der Übersetzung. Die sexuelle Differenz lässt sich lesen, was bedeutet, sie ist eine übersetzte und übersetzbare Differenz. Denn das Ersetzen „von einer Seite zu einer anderen Seite der sexuellen Differenz“ scheint ein misslungenes Kalkül zu sein, denn in der sexuellen Differenz gibt es keine Äquivalenz zwischen den Geschlechtern, da ihr, wie jeder Übersetzung, eine Asymmetrie zugrunde liegt. Jede Seite der sexuellen Differenz ist etwas Einzigartiges, das unersetzbar zu sein scheint.

    „Durch Übersetzen ersetzen scheint möglich. Ebenso wie das Übersetzen von einer zu einer anderen Seite der sexuellen Differenz, und auch das Übersetzen dessen, was man etwas Einsames, Besonderes oder Einzigartiges nennt“ (S. 50)

    Dass es keine sexuelle Differenz mehr gibt als eine solche, die sich übersetzen lässt, unterstreicht die anfängliche These, laut der die sexuelle Differenz eine der Lesbarkeit ist:

    „‚Lesen der sexuellen Differenz‘, das also war der Titel (…) Auch wenn die sexuelle Differenz sich so den Lesarten öffnet, ist sie doch nie von vornherein und durch und durch, de part en part sichtbar. Sie ergibt sich dem Sehen, voir nicht (…), sie gibt sich nur zu lesen“ (S. 79).

    Worte sind keine Erfindungen, sie sind Spuren einer Übersetzung, die man liest und die die Unmöglichkeit eines Ersetzens aufzeigt. Sie sind die Differenz. Worte sind dann Spuren, die man liest, und diese Spuren markieren die sexuelle Differenz.

    „ (…) das ist meine Hypothese, sobald es sexuelle Differenz gibt, gibt es Wörter oder vielmehr Spuren zu lesen. Damit und dadurch beginnt sie. Es mag Spuren ohne sexuelle Differenz geben, zum Beispiel im Falle von nicht sexuiertem, von ungeschlechtlichem  Leben, aber es kann sexuelle Differenz nicht ohne Spuren geben“ (S. 55).

    Das heißt, die Differenz ist im Lesen, dessen Markierung verhüllt und verborgen bleibt. Es ist die Markierung im Körper, die die Schrift gelesen hat. Die Differenz ist weder ontologisch noch epistemologisch, sondern medial und technisch: Es geht um die Lesbarkeit der Differenz.

    Arithmetik der Zwei

    Signatur und Herum-Geschnitten (Zirkumzision) : Derrida als Mann

    Hélène Cixous ergreift das Wort. Sie spricht von einem Bevor, einem Bevor vor dem Lesen: die Signatur. Sie ist in die Materie eingraviert. Verzierungen im Fleisch werden eingeschnitten, bevor man sie überhaupt lesen kann. In der Fläche des Körpers tritt zunächst die Asymmetrie der Information auf.

    „Dieser Körper, dein Körper, denn dein Text ist beständig körperlich, ist signiert, auf unzählige Arten und Weisen signiert, die ganz Zeit geht es um die Signatur, das Unterzeichnen, die Unterschrift“ (S. 16-17).

    Man lernt selbige Signaturen zu entziffern, man lernt die Markierung zu lesen, um sich von anderen zu unterscheiden, in einer Art von Erfindung der Selbst-Identität und der Bestätigung einer Trennung, eines séparement zwischen Ich-Selbst und den anderen. Dann beginnt die hermeneutische Rückschleife ablesen/aufzeichnen. Das Ablesen von aufgezeichneten Spuren, das zum Schreiben führt, sei der Anfang eines Schreibens, das kein Ende mehr hat, als aufzuhören zu lesen.

    Hélène Cixous beginnt mit dem Körper Jacques Derridas. „Du bist (Zirkum)Beschnitten, sage ich, also beginne ich am Körper“ (S. 16). Sie erzählt die Geschichte der Gravierung und des Schnitts in der Männlichkeit, ein Beschnitten-Sein (S. 17), eine Signatur, deren Lesbarkeit die sexuelle Differenz in der Männlichkeit und der Männlichkeit ist. Laut Cixous liest die sexuelle Differenz um die Signatur herum, bei welcher das umgehenden Schreiben Derridas seinen Anfang hat.

     „(…) und das alles vor ihm und an ihm, dieses eigenschnitzten Schreibens noch bevor er lesen konnte ja, das ist dieses (Zirkum)Beschnitten-Sein und dieses (zirkum)beschnittene Wesen“ (S. 16).

    Das eigenschnitzten Schreiben spricht von einem nicht wiedergewonnenen Verlust. „Ist diese Geschichte des (Zirkum)Beschnitten-Seins ein Zug der Männlichkeit?“ (S. 17), fragt sich Cioux.

    Die Geschlechtsdifferenz beginnt mit Gott

    Hélène meinte, dass die sexuelle Differenz im Körper signiert ist. Die erste Differenz ist das Lesen einer Geschlechtertrennung, die über eine Signatur eines Schnittes in der Fläche des Körpers abzulesen ist. Die allererste Geschlechterdifferenz ist zwischen dem Vater und dem Sohn festgelegt. Diese Differenz ist eine der Gattung, des Geschlechts.

    Geschlecht ist ein Ordnungsbegriff, ein Begriff der Klassifikation. Geschlecht heißt Gattung und betrifft eine Gruppe oder Menge von Elementen, die ein Merkmal teilen bzw. das gleiche Merkmal haben. Differenzen werden nach ähnlichen Merkmalen in Gattungen gruppiert, während die Arten auf den Unterschieden ihrer spezifischen Wesenheit oder Begriffsbestimmung beruhen. Eine Gattung unterscheidet sich von einer anderen Gattung durch ihre konträren Verhältnisse. Lebewesen ist jene Gattung, die alle lebenden Systeme einschließt, trotz spezifischer Differenzen, wie eine Blume oder ein Mensch. Sie steht aber in einem entgegengesetzten Verhältnis dem Nicht-Lebewesen gegenüber, wie die anorganische Materie. Wenn die sexuelle Differenz durch ein Gotteswort signiert ist, spricht man von einer Differenz der Gattung, zwischen dem Gott und dem, was nicht Gott ist, wie dessen Kreaturen. Dem Gott-Vater misst man die Eigenschaften des Unsterblichen, Vollständigsten bei. Ihm setzt man dessen Negation entgegen: die Menge seiner Kreaturen, die Unvollständigen, Sterblichen.

    Die erste lesbare sexuelle Differenz ist die Geschichte einer Markierung, welche die Unterscheidung von Göttlichem und Menschlichem trifft: der Verlust der Immanenz zugunsten eines transzendenten Gottes, indem der Gott, ein übergeordnetes Geschlecht, sich seinem Sohn entgegensetzt.

    Arithmetik der Zweiheit

    Eine beschnittene Signatur ist eine der Geschlechterdifferenz, die erste, die zwischen dem Vater und dem Sohn gesetzt wird. Gott ist der Oberbegriff. Der Vatergott, der oberste, der vollständigste, der Schöpfer steht an der Spitze einer Gattungsklassifikation. In der Sprache der Metaphysik lässt sich als die identitätslogische primäre Instanz nennen: Er ist sich selbst gleich und mit sich identisch. Seine Negation, seine konträre soll dann alles umfassen, was nicht unsterblich, nicht vollständig etc. ist und an dessen Spitze sich der Mensch-Mann befindet.

    Die sexuelle Differenz fällt in die Falle der Arithmetik der Zweiheit, weil, wie anfangs erwähnt, die beiden Seiten der sexuellen Differenz nicht ersetzbar sind, indem keine Symmetrie besteht zwischen den zwei differenzierten Teilen. Unter das, was Gott nicht ist, fällt alles, was an der Negation des Nicht-Gottes teilhat. So kommt es, dass die Geschichte der Differenz eine solche der Unterscheidung, der Beschneidung, der Trennung und der Spaltung ist. Nur in der Dialektik der Zweiheit oder in der Arithmetik der Zweiheit geschieht dies. Deswegen stellt sich Derrida die Frage, ob bei Ameisen eine Geschlechterdifferenz zu erkennen ist. Die Arithmetik der Zweiheit fehlt bei Ameisen, „frouniers“.

    Von welcher Differenz spricht die Geschichte der sexuellen Differenz? Derrida und Cioux sprechen von der sexuellen Differenz, der Lesbarkeit der Markierung des sexualisierten Geschlechts anhand der Arithmetik der Zweiheit: hier das Männliche und ihm gegenüber das Weibliche und die ausgeschlossene Dritte, weder Frau noch Mann, sondern frourniers.

    Bei der sexuellen Differenz handelt sich aber um eine Geschlechterdifferenz der zweiten Ordnung, nämlich um die Frau, die ein Mensch (nächstgelegene Gattung) ist, dessen Geschlecht nicht männlich ist (Differenz). Hélènes Verdacht lautet, dass den Frauen die sexuelle Differenz nicht vertraut ist; deswegen haben sie vor dieser Geschichte Angst.

    Dies ist eine Geschichte, die nur die Geschlechterdifferenz des Gott-Sohns betrifft. Diese Unterscheidung ist aber nur eine lesbare. Wer liest den Sohn?

    Mutter

    Derrida meint, dass es für das Unbewusste kein Geben gibt. „Für das Unbewusste oder für das reine Bewusstsein gibt es Geben nicht, Vergeben auch nicht, nur Tausch und beschränkte Ökonomie“ (S. 53). Es hängt davon ab, wo man den Beginn der zirkulären Ökonomie ansetzt, ob in der Hingabe oder in der Annahme, ob in der Gabe oder im Missbrauch. Die erste Beziehung ist eine des Missbrauchs, sagte Serres. Dies bedeutet, sie ist nur einseitig durch den Pfeil der Zeit bestimmt. Der Sohn wird im Körper der Mutter untergebracht, der Sohn, Parasit des Körpers der Mutter.

    Der Körper der Mutter gibt hin, und es handelt sich um eine Gabe, die nicht eine beigemessene Erwiderung findet. Der Ausfall eines vollkommenen Austauschs oder beschränkter Ökonomie liegt nicht, wie Derrida andeutet, in der Beschränkung der Gabe, im Gegenteil, er hat seine Ursache im Übermaß der Gabe (Saratxaga). Wieso ist es so schwer, das Geschenk der Hingabe zu akzeptieren? Das ist der Blick der Mutter. Sie ist da und sie bringt unter. Sie nimmt in Kauf, dass die Gabe nie wiedergegeben wird, sie kann nicht vollständig wiedergegeben werden. „Es gibt immer etwas, das verloren geht, es ist die Unmöglichkeit der Wiedergabe“ (S. 28).

    In einer wunderbaren Art und Weise deutet Hélène Cixous an, wie die Mutter-Sohn-Einheit das Kalkül des (Aus)Tausches bricht. Die Mutter ist eine Außenseite der ersten Signatur, des Wortes. „Die Mutter ist ihm erarbeitet“ (S. 18). Die Mutter ist ihm innerlich, nicht von ihm getrennt. Die Mutter ist dem Mann innerlich, zwischen ihnen ist dann die Trennung, die Abspaltung der Arithmetik der Zweiheit nicht vorhanden. Sie liest die sexuelle Differenz nicht. Die Mutter liest ihn nicht.

    „Der Sohn wird nicht von Mutter gelesen“ (S.27 ) (…)

    weil sie deine Sprache nicht spricht, sie spricht weder noch liest sie Derridianisch“ (S. 28).

    „Gewisse Figuren sind unterdessen wohlbekannt, da sie im Laufe der Bücher in die Lesemythologie unserer Epoche Eingang gefunden haben. (…)

    Die Mutter ist umwerfend, über die Wissenschaft der Worte hinaus prophetisch (S. 27).

    Und dann hat diese Mutter den Schlüssel zu einem entscheidenden Moment dieser ganzen Geschichte: mit ihr hast du immer und nie das letzte Wort gehabt.“ (27)

    Welche wäre dann die Ordnung des Geschlechts aus der Sicht der Mutter, aus dem Körper der Mutter; wie würden sich dann die Arten und Geschlechter einordnen?

    Die Liebe als (symbolisches) Medium der Wiedereinigung einer Séparement

    Das Weibliche und das Männliche, das Feminine und das Maskuline sind einer Geschlechterdifferenz zugeordnet, unter die manche, aber nicht alle Arten fallen. Entweder weiblich oder männlich, sagt die Arithmetik der Zweiheit, welcher Logik der ausgeschlossene Dritte zugrunde liegt. Ein Geschlecht, das zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen steht sowie an beiden teilhat, ist von der zweiwertigen Logik ausgeschlossen, sodass alle Arten, die weder das weibliche noch das männliche Geschlecht haben, von der sexuellen Differenz nicht berücksichtigt sind. Dementsprechend könnte man sagen, dass die sexuelle Differenz von einer konträren Relation spricht, sofern das Weibliche dem Männlichen entgegengesetzt und umgekehrt ist. Zwar besteht eine Komplementarität und, wie die deutsche Sprache diese Beziehung gut ausdrückt, eine gegenseitige. Die eine ist die andere Seite der anderen und umgekehrt.

    Die sexuelle Differenz spricht von der Unmöglichkeit der Synthese der komplementären Relation. Sie ist, wie Derrida feststellt, die Geschichte einer Trennung, eines séparement.

    Séparément, „einzeln, (ab)getrennt, abgeschnitten, abgesondert“, kommt diesmal ganz allein. Das Wort tritt ganz allein vor, vereinzelt, séparément. Als Wort ‚séparément‘ geht als Einzelgänger vor (….) Man kann nicht séparément lieben und man kann nur séparément lieben, in Separation oder Ungleichheit des Paars. In unendlicher, weil inkommensurabler Distanz: nie werde ich dieselbe Distanz halten (…) Unendliche Separation im Paar, couple selbst und in der Parität des Paars, paire (65)“

    Die Synthese einer konträren und zugleich gegenseitigen Relation scheint aber im Medium der Liebe möglich zu sein. Wie schon vorher bei der Geschlechterdifferenz erwähnt, ist die Einheit eine Eigentümlichkeit Gottes. Und wenn man überhaupt vom Geschlechterunterschied spricht, ist vom Göttlichen und dem, was nicht unter das Göttliche fällt, die Rede.

    Die (Rede der) sexuelle(n) Differenz hält die Absonderung der Geschlechter aufrecht. Ihre Geschichte ist nicht eine der Differenz, sondern eine, die über eine irreparable Zäsur spricht: die Unmöglichkeit der Einheitlichkeit von Geschlechtern. Eher setzt die Liebe die Dramatik der Unmöglichkeit in Gang, die eine Vereinsamung voraussetzt, die nie aufgehoben wird, solange die Liebe als Medium die Wahrscheinlichkeit einer Unmöglichkeit besitzt (Saratxaga, „Liebe: Wenn eine Möglichkeit wahrscheinlich wird“, forthcoming).

    Die Sprache der Liebe ist die Sprache, welche die Trennung entfernt. Sie zieht die Grenze der sexuellen Differenz hinaus, doch je näher die Liebe rückt, desto ferner ist das Einswerden.

    Geschlechterdifferenz ist eine Differenz der Lesbarkeit. Die Trennung ist eine der markierten Signatur im Körper. Hélène spricht von einer Geschichte, nicht von der Trennung, nicht einer solchen, die ihr Angst bereitet und die auch nicht in einer Fabel zu lesen ist oder in der Fabel Trost findet.

    „Sexuelle Differenz ist eine Fabel, beziehungsweise eine Mär“, so würde die Kopula „ist“ es ermöglichen den Satz und die Aussage umzukehren: Fabel, jede Fabel also, ist sexuelle Differenz“ (S. 52).

  • Zum Irrenhaus führt kein Irrweg

    Zum Irrenhaus führt kein Irrweg

    „Die Kinder von La Borde“ von Emmanuelle Guattari in Turia + Kant, 2021.

    Dieses autobiographisch-poetische Buch, in Frankreich 2021 als „La petite Borde“ veröffentlicht, erschien im gleichen Jahr in deutscher Übersetzung mit dem Titel „Die Kinder von La Borde“ im Verlag Turia und Kant. Obwohl diese Rezension ein wenig spät erscheint, hinterlasse ich hier ein paar Zeilen über ein wunderschönes Testament eines freien Sozialisationsspiels außerhalb des bürgerlichen Dreiecks (Vater/Mutter/Kind) und innerhalb einer chaosmotischen Ordnung.

    Dieses autobiographisch-poetische Buch, in Frankreich 2021 als „La petite Borde“ veröffentlicht, erschien im gleichen Jahr in deutscher Übersetzung mit dem Titel „Die Kinder von La Borde“ im Verlag Turia und Kant. Obwohl diese Rezension ein wenig spät erscheint, hinterlasse ich hier ein paar Zeilen über ein wunderschönes Testament eines freien Sozialisationsspiels außerhalb des bürgerlichen Dreiecks (Vater/Mutter/Kind) und innerhalb einer chaosmotischen Ordnung.

    In Form einer Sammlung von Anekdoten und spaßigen kurzen Erzählungen berichtet die Schriftstellerin Emmanuelle Guattari über ihre unbefangene schöne Kindheit im Schloss der Verrückten, La Borde. Die Autorin beschreibt mit harmlosen Geschichten die magische Welt, in der sie ihre Kindheit verbrachte.

    Ein riesiger Park umgab das Schloss, das die Verrückten bewohnten. Dort liefen die Verrückten ohne Zäune herum (S. 25). Am Park, die Teiche, den Tümpel, die Tiere: Beide, die Verrückten und die Kinder, teilten denselben Ort, hatten La Borde als ein Zuhause.

    La Borde Klinik, Cour-Cheverny (Tal der Loire, Frankreich)

    Bekanntlich wurde die experimentelle psychiatrische Klinik La Borde im Dorf Cour-Cheverny von dem französischen Psychiater Jean Oury gegründet. Das Projekt vertrat den Standpunkt, Wahnsinn nicht als von normativen Strukturen bestimmte Pathologie zu sehen, sondern die Kranken auf der Basis von menschlichen Beziehungen und kollektiver Sozialisation zu behandeln. Ein auf Kollektivität und Gemeinschaft basierendes Konzept sollte der traditionellen Ausschließung psychisch Kranker entgegenstehen. Ab Mitte der 1950er Jahre arbeitete und lebte der Philosoph und Psychoanalytiker Félix Guattari zusammen mit seinen Kindern, unter ihnen Emanuelle, im Schloss La Borde. Félix Guattari akzeptierte mit vollem Recht den Kompromiss eines kollektiven und explorativen Raumes für die Erforschung von Zusammenfügungen von Kräften und Potenzialitäten des Kollektiven (Chaosmose). Das ödipale Dreiecksmodell, bestehend aus Vater/Mutter/Kind, konstituiert die mikrosozialen Zellen und Muster der normativen Errichtung moderner Gesellschaften und stellt sich der Kollektivierung von subjektiven Kräften des explorativen Raums von La Borde diametral entgegen.

    La Borde war eine Unterkunft, welche die Regeln der Internierung Geistesgestörter umkehrte. Hier fällt die gesperrte Mauer von psychiatrischen Anstalten herunter, sodass die psychosomatischen Anomalien kaum der Kategorie des Pathologischen zuzuordnen waren. Vielmehr öffneten sie sich hier auf die wundervolle Lichtung der freien Wiese, welche das Schloss umgab.

    La Borde, le droit à la folie

    Zum Irrenhaus führt kein Irrweg.

    Fischen, in den Hühnerstall hineingehen, den Schweinen Essen bringen, sich auf den Weg zu einem Theaterstück der Verrückten machen, ein Land voller Entdeckungen und Erfindungen, das den Blick des Mädchens anzog, auf deren Pfaden das Mädchen von La Borde wanderte.

    Zum Schloss des Wunders führt kein Irrweg, doch die Wege nach Hause sind jene der Irren. So, wie das Land des Wunderbaren von Alice von phantastischen Wesen bewohnt war, war das von Verrückten bewohnte Land, im Gegensatz zum Land Alices, ihr Schloss, nicht mehr das Haus, in das man zurück soll. Die Verblendung und Realitätsverleugnung, die Alices Wunderland aufzeigt, sind bei den Kindern von La Borde nicht vorhanden, es gab dort weder Widersprüche noch Gedankenlosigkeit des Phantastischen. In dieser Hinsicht schlägt die poetische Perspektive in Emmanuelles Alltagsbeschreibung ihres Zuhauses jede epische Erzählung, von der Odyssee bis zu Alice im Wunderland, wo die Wege nach Hause, die Rückkehr nach Hause nur über Irr- und Umwege zu bewandern sind.

    Narrenturm (Wien). Erste psychiatrische Klinik Kontinentaleuropas 1784.

    Soll das Haus bzw. Heim eines des Irren sein, dann sind die Wege dorthin kaum welche, die bewältigt werden sollen. Kein bösartiger Geist steht entgegen, keine Hindernisse versperren die Wege nach Hause, keine heroische Operation soll die Wege nach Hause beanspruchen, keine Hemmung gegen bezaubernde Begegnungen. Es handelt sich um die Spielerei des Lebens im Freien. Alles war so wahrhaftig wie die Welt, in der sie aufwuchs. Doch als sie in den Kindergarten geschickt wurde, hatte sie erkannt, dass das magische Schloss, im dem sie aufwuchs, eine Klinik war; oder dass die Klinik, das Zusammenleben mit den Verrückten, der magische und phantastische Ort war, an dem sie in ihrer Kindheit heranwuchs.

    Die ewig jungen Gesichter

    Sie ähneln sich in der Jungenhaftigkeit ihrer Gesichter. Beide scheinen jung zu sein und in der Welt des Wunders ist der Schein, die Wahrheit. Die Verrückten sollen junge Gesichter haben, erzählt der Vater Emmanuelle („mein Vater pflegte zu sagen: Großer Wahnsinn hält jung“ (S. 109).

    Junge Gesichter hemmen vielleicht ihre Ängste nicht, im Gegensatz zu dem, was Alice im Wunderland lernt, das Land des Wahnsinns und die Verfügung des Phantastischen zu fürchten. Durch und mit Angst lernt Alice, Gefahren zu sehen, ihren Wahnsinn zu begraben und den Weg nach Hause zu finden.

    Emmanuelle hat keine Angst vor Verrückten. „Hatten wir Angst vor den Verrückten? Nicht vor allem und auf jeden Fall nicht mehr als vor normalen Menschen“ (S. 109). Die Kinder von La Borde begeben sich aber auf den Weg des Wunders ohne jene Beklemmung: „Ich entdeckte die Oper, als ich die Treppe der Klinik hinunterkam, wo im Grand Salon eine Arie gesungen wurde: „Mein Herz erschließet sich in der Glut deiner Liebe“ (S. 110).

    Emmanuelle erzählt uns die Sprache der Phantasie in der Wirklichkeit eines Kindes. Man spricht von der Einbildungskraft, diesem geistigen Trieb, der das Sehen dessen, was man nicht sieht, ermöglicht; oder das zu bilden, was noch nicht existiert; oder aus der Kraft eine imaginäre Realität zu schaffen.

    Den Kindern ist die Verzerrung der Realität und Phantasie gestattet. Genauso wie der Blick der Verrückten, die sich etwas einbilden. Ihnen ist allerdings der Einbildungssinn nicht zugelassen, sondern der Sinn des Wahns.

    Vielleicht aus dem Grund, dass sie erwachsen sind. Wenn beim Erwachsenen die Einbildung die Grenze der Phantasie überschreitet, sind sie krank, geistesgestört oder verrückt. Beide aber, Wahnsinnige und Kinder, besitzen junge Gesichter: „Würden wir also am Ende wie die Verrückten reden, wenn wir erwachsen wären?“ (S. 110), fragt sich Emmanuelle.

  • Die Wahrheit der Lüge oder die Lüge der Wahrheit

    Die Wahrheit der Lüge oder die Lüge der Wahrheit

    Jean-Luc Nancy: Die Wahrheit de Lüge, Wien: Passage, 2023.

    Wenn das Wort der Wahrheit auf Kinder und Erwachsene gerichtet wird und wenn sie die Bejahung der Lüge verspricht, verdient diese Rede eine Besprechung. Der schon vor beinahe zwei Jahren verstorbene französische Philosoph Jean-Luc Nancy hielt den 2021 posthum veröffentlichten Vortrag „La verité du mesonger“.

    2023 erschien eine deutsche Übersetzung unter dem Titel „Die Wahrheit der Lüge“. Der Vortrag und die ihm folgende Fragerunde handeln wesentlich von der Legitimität der Lüge. Das Gelingen eines solchen Versuchs beginnt mit einer bloßen offenbaren Argumentation, nämlich, dass bei Kindern die Lüge wahrhaftig zu gerecht ist, denn ihr Welthorizont ist nicht paradoxfrei, worin Lügen und Wahrheiten zusammenleben: „Für Kinder ist die Lüge etwas Normales, weil sie sich den Erwachsenen nicht gänzlich anvertrauen können: Denn sie spüren sehr deutlich, dass die Erwachsenen zum Teil in einer anderen Welt leben. (…) Kinder sind noch nicht ganz in der Gesellschaft“ (S. 13). Man kann nicht der Lüge ihre Wahrheit entziehen oder die Wahrheit der Lüge verneinen, sofern der Wahrheit misstraut wird.

    Kinder sind die Verräter der Wahrheit der Wahrheit par excellence, weil ihre Welt nach anderen Regeln aufgebaut ist als jene, die die Gesellschaft ordnen. Mit der Wahrheit des Wunderhorizonts von Kindern, besiedelt mit phantastischen Erfindungen. macht Jean-Luc Nancy aus seinem dekonstruktivistischen Gestus, nämlich dem Misstrauen gegenüber der Wahrheit, einen Appell für ein soziales Zusammenleben in mehrwertigen Welten. Wie eine pluralistische Welt überhaupt zustande kommen kann, ist das Thema seines letzten großes Buches (Von einer Gemeinschaft, die sich nicht verwirklicht. Übers. Esther von der Osten. Turia + Kant, Wien 2018). Das Misstrauen gegen eine identitätslogische absolute Wahrheit führt nicht in die Falle des Relativismus, sondern öffnet die Wahrheit für ihre paradoxe Bestimmung: Die Wahrheit der Lüge ist so legitim wie die Lüge der Wahrheit. Die Annahme einer solchen Paradoxie bedeutet nicht, dass alle Stellungnahmen vertretbar sind, wie der Relativismus meint, sondern dass es so viele Welten wie Wahrheiten gibt.

    Der Relativismus wäre dann eine Stellungnahme, welche die Trivialität von Wahrheiten verspricht, nicht aber die Wahrheit der Lüge entbirgt. Der Relativismus enthüllt aber nicht die Lüge der Wahrheit, auch wenn sie in jeweilige einzelne Realitäten zerfällt und sie rechtfertigt. Dazu führt Nancy aus dass sämtliche -ismen, nämlich Weltanschauungen, auf Wahrheiten und wahren Ideen beruhen. Und heute spricht die Wahrheit der Ideengebäude von ihrer Lüge: „Heute sind Ideologien vielleicht eine Form von Lüge, die nicht unbedingt willentlich, nicht als Lüge beabsichtigt ist, sondern die darin besteht, auf große, umfassende Zusammenhänge zu verweisen, die aufgeblasen werden, um sich auf eine große Idee zu berufen“ (S. 42).

    Ist aber nicht die Lüge der Wahrheit der Wahrheit der Lüge entsprechend?

    Aus der Sicht eines Dekonstruktivisten bewahrt der Autor die Skepsis einer identitätslogischen Wahrheit, sowohl angesichts ihrer Verneinung als auch ihrer Bejahung. Nancy will und führt keinen philosophischen Diskurs über die die Philosophie stiftende Frage, die Wahrheit der Wahrheit. Obwohl er zur Tradition der Dekonstruktion und Phänomenologie gehört und die Wahrheit mit den Zeichen ihrer Abwesenheit ein Hauptthema dieser Tradition war oder zumindenst die Koryphäen dieser Tradition es zum Thema der Philosophie gemacht hatten, wendet er diese Vorträge von grundlegenden Auseinandersetzungen mit der Ontologie und Metaphysik der Geschichte der Philosophie ab. Ohne sich hier in postmoderne Diskussionen verwickeln zu wollen, nimmt er den kürzesten Weg, nämlich die Wahrheit der Lüge, um die Lüge der Wahrheit auf den Tisch zu legen, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene.

    Ist die Lüge das Gegenteil von Wahrheit? Eine schwierige Frage für einen Dekonstruktivisten, „denn ist die Lüge kompliziert“ (S. 15), sagt er; für jemand, der die Absolutheit der Wahrheit leugnet. Das Ziel, eine Wahrheit der Lüge zu vertreten, besteht nicht darin, gegen die Wahrheit der Wahrheit wahrhaftig zu wirken. Eher besteht hier die Absicht, die geistige Komponente der Lüge aufzuzeigen und deren performative Legitimität darzustellen: Alle Menschen lügen, weil die Lüge eine Sache der Sprache ist. Lügen heißt, nicht die Wahrheit zu sagen (S. 15).

    Die Lüge ist dem Geist innerlich, sie gehört zum Geist. Der Autor spielt mit der etymologischen Herkunft des französischen Wortes mesonger, um es zu veranschaulichen. Mesonger stammt vom lateinischen mentiri, das wiederum von mens abgeleitet ist, dies heißt Geist. Tiere können nicht lügen, vermutlich weil sie eine Seele, jedoch keinen Geist haben, „weil sie nicht sprechen“ (S. 50). Sie können sich tarnen gegen die Bedrohung einer Gefahr oder zur Begattung scheinen sie anders, weil sie zugunsten der einen oder der anderen die andere täuschen wollen, doch sie lügen nicht. Ist aber die Tarnung des Menschen eine Lüge? Die strategische Täuschung ist eine Art von Lüge, meint Nancy, mit der Anerkennung und der Bezichtigung.

    Wieso lügt man dann? Um über die Schatten die Wahrheit sehen zu können. Weil die Lüge ein notwendiger Wert ist, um über die Wahrheit sprechen zu können. Mit anderen Worten sagt Nancy, dass die Lüge dort Sicherheit gibt, wo Gefahr und Bedrohung bestehen. Es mag sein, Kinder lügen deswegen. Es ist eine Mittäterschaft miteinander, wenn sie sich von der Erwachsenenwelt schützen müssen. Ihnen fällt es nicht schwer, es ist eine leichte Aufgabe, vielleicht, weil sie bemerkt haben, dassdie Wahrheit genauso eine Erfindung ist wie die Wahrheit selbst. Deshalb können Kinder am besten den Inhalt dieses Vortrags verstehen: dass die Wahrheit einer Lüge der Lüge der Wahrheit entspricht.

    Folglich ist laut einer Entscheidung der Herausgeber das 2023 erschienene Buch in eine Reihe eingebettet: „Für Kinder und Erwachsene“ in Anlehnung an W. Benjamins großartige Aufgabe, für Kinder und an Kinder gesprochen zu haben (Radiosendungen). Danke Peter Engel für diese wunderschöne Reihe.

  • Wie ein Adler entfaltest du deine Flügel und den Blick in den Himmel richtend fragst du: wieso?

    Wie ein Adler entfaltest du deine Flügel und den Blick in den Himmel richtend fragst du: wieso?

    Am Tag Mariä Himmelfahrt, Christi Mutter, die mitleidende Mutter.

    Mit offenen Armen, wie aufgespannte Flügel und erhobenen Hauptes hebt sie die Brust und blickt in den Himmel. Sich auflehnend fragt sie Gott den Vater: Wieso? Ihr Sohn liegt zu ihren Füßen, tot am Boden. So blickt die Skulptur Pietà von Jorge Oteiza am Fries der Basilika Unserer Lieben Frau von Arantzazu in der baskischen Provinz Gipuzkoa in Spanien.

    Die Pietà gilt als Darstellung der Mater Dolorosa (Schmerzmutter). Sie stellt den Schmerz der Mutter Christi dar, bei der Momentaufnahme der vorletzten Station des Kreuzandacht, als die Leiche Christi auf dem Boden lag. Das Mitleid der Muttergottes hat die Bildhauerkunst im Motiv der Pietà nachgeahmt. Es ist seit dem frühen 14.Jahrhundert gebräuchlich und zählt zu den bekanntesten ikonographischen Darstellungen des Mittelalters.

    Der nicht wieder gutzumachende Schmerz, Christi Verlust, lässt sich sehr gut an der Pietà der Heilig-Kreuz-Kapelle des Wallfahrtsklosters aus dem 14. Jahrhundert veranschaulichen. Die Gottesmutter ist von zahlreichen Pfeilen umgeben, während sie, „unsere Liebe Frau mit den Pfeilen“, den gestorbenen nackten Jesus Christus in ihrem Schoß hält.

    Marmor skulpturierte Plastik Michelangelos in der Capella de la Pietà gilt als das bekannteste Vesperbild. Dieses mitsamt den ihr vorangehenden Darstellungen zeigt die Christus haltende leidende Mutter, ähnlich jener von Rondanini in Mailand.

    Der Bildhauer Jorge Oteiza zeigt aber eine leere Pietà ohne Mantel, fast ohne physiologische Merkmale, zu deren Füßen der Leichnam Christi liegt. Sie hält ihr totes Kind nicht auf ihrem Schoß, sondern es liegt unbedeckt auf dem Boden, während die Mutter mit herzförmigem Gesicht schreiend zum Himmel aufschaut. Sie fragt empört: Welches Schicksal hast du meinem Kind zugedacht? Wieso? Diese gegen die Schuld auf Christus schiebende Frage, diese religiöse Darstellung einer schmähenden Mutter erschüttern das baskische Bistum und den Vatikan in Rom. Die mehr als drei Meter breite und hohe skulpturierte Jungfrau mitsamt den 14 Aposteln lag 12 Jahre wegen eines vatikanischen Verbots in der Gosse.

    1950 wurden die Grundlagen zur Umgestaltung der Basilika von Arantzazu veröffentlicht. Die Architekten Francisco Sáenz de Oiza und Luis Laorga hatten die höchste Punktezahl bekommen und ihnen wurde der Bau der neuen Basilika übertragen. Mit der Einrichtung des Frieses wurde der Künstler Jorge Oteiza beauftragt, mit den Gemälden der Krypta der Maler Nestor Basterretxea, mit der Apsis Carlos Pascual de Lara, mit dem Buntglas Javier Alvarez de Eulate und mit den Toren der Bildhauer Eduardo Chillida.

    Die neue Basilika wurde 1955 gebaut. Eduardo Chillida und Javier Alvarez de Eulate durften ihre Arbeit fortsetzen, obwohl die künstlerischen Arbeiten von Oteiza, Lara und Basterretxea nicht den Vorschriften der kirchlichen Kunst entsprachen. Der Bischof von San Sebastian, Jaime Front Andreuri, schickte die Entwürfe nach Rom: „Diese Päpstliche Kommission, die gemäß den Richtlinien des Heiligen Stuhls über den Anstand in der religiösen/heiligen Kunst wacht, kann die vorgelegten Entwürfe leider nicht genehmigen“. Der Bischof von San Sebastian erteilte ihr die Befugnis zum Verbot, das 1954 erging.

    Die mehr als fünf Tonnen wiegende Pietà sieht so aus, als sie in den Himmel fliegt. Unter der Pietà stehen 14 entleerte Apostel. Sie sind entleert, entkörpert. Die Zahl der Apostel und deren entleerte und entkörperte Figuren widersprechen der herrschenden kirchlichen ikonographischen Darstellung. „Die Apostel, die wie aufgeschnittene heilige Tiere aussehen, sagen uns, dass sie sich selbst entleert haben, weil sie ihr Herz in andere gesteckt haben“, meinte der Künstler Jorge Oteiza. Jeder von ihnen ist drei Meter hoch und wiegt fünf Tonnen. Oteiza selbst nannte die Dynamik der Apostel ein „Friesballett“, seine Technik ist die Hyperbolik, der ausgehöhlte Zylinder. Der Kalkstein erinnert an die umliegenden Berge, die unregelmäßigen Volumina an den Abdruck des Wassers auf dem Fels. Seine Dynamik verbindet sich mit einer symmetrischen Komposition des Werks.

    Die beiden Apostel am Ende der Reihe sind nach vorne gewandt und umhüllen mit dieser Geste das Ganze. Die anderen blicken nach oben zur Mutter, die in den Himmel schaut. Widersprechend lehnt sich der Eifer der Mutter gegen den Himmel auf: Mein Sohn ist nicht schuldig, unsere Kinder sind nicht schuldig.