Arantzazu Saratxaga Arregi

Kategorie: Matrixiale

  • SoSe26 Seminar, abk Stuttgart: „Prozessualität der Form: Grundzüge einer generativen Formtheorie“

    SoSe26 Seminar, abk Stuttgart: „Prozessualität der Form: Grundzüge einer generativen Formtheorie“

    Das Seminar untersucht das „Generative“ als ästhetischen Leitbegriff mit besonderem Fokus auf die Form. Im Zentrum steht die Frage, wie Form im Kontext generativer Prozesse entsteht und wie sich dieses Entstehen beobachten, denken und zur Sprache bringen lässt. Generative Kunst verschiebt die Aufmerksamkeit vom abgeschlossenen Werk auf den Prozess der Hervorbringung von Bild- und Strukturformationen. Form erscheint dabei nicht als Abbild oder Repräsentation einer Idee (eidos), sondern als emergente Gestalt, die sich im Vollzug komplexer Prozesse konstituiert.

    Ausgehend von einer kritischen Analyse hylemorphistischer und substanzontologischer Formkonzeptionen – Form als eidos oder als die Materie (hylé) in-formierende Idee – entwickelt das Seminar eine nicht-repräsentationale und relationale Theorie der Form. Form wird als situierte Stabilisierung komplexer Prozesse verstanden: als Muster, das aus Rückkopplung, Resonanz und Wechselwirkung hervorgeht. Sie ist keine statische Struktur, sondern eine zeitlich gebundene, dynamische und „merkende“ Konfiguration innerhalb komplexer Systeme. Form erscheint somit als emergentes Ereignis, das sich im Verlauf der Zeit transformiert. Reflektiert werden eine Ästhetik des Verschwindens, der Instabilität und der Transformation ebenso wie Gestaltung als Ermöglichung von Emergenz.

    Theoretisch verbindet das Seminar philosophische Perspektiven (Differenzphilosophie, Systemtheorie, Phänomenologie, feministischer Materialismus) mit ästhetischen Theorien, insbesondere der generativen Ästhetik, sowie mit Bezügen zur ästhetischen Gestalttheorie (Rudolf Arnheim). Ergänzend werden kunst- und medienhistorische Positionen einbezogen: im Kontext generativer Gestaltung George Nees, Frieder Nake und Manfred Mohr, im Feld generativer Kunst Herbert W. Franke. Darüber hinaus werden Referenzen zum Konstruktivismus, zur Konkreten Kunst, zum Bauhaus, zur Lichtkunst (László Moholy-Nagy), zur Netzwerkkunst sowie zu Arbeiten von Victor Vasarely, Gerhard von Graevenitz, Herman de Vries und Myron Krueger hergestellt.

    • Präsentation
      15.05. (14:00 Uhr–18:00 Uhr)
    • Form und Eidos und ihre Dekonstruktion
      22.05. (10:00 Uhr–18:00 Uhr)
      23.05. (10:00 Uhr – 14:00 Uhr)
    • Prozesualität der Form – Gestalttheorie in der Kunst & Paradoxien der Form
      11.06. (14:00 Uhr–18:00 Uhr)
      12.06. (10:00 Uhr–18:00 Uhr)
    • Generative Kunst & Generative Ästhetik
      25.06. (14:00 Uhr–18:00 Uhr)
      26.06. (10:00 Uhr–18:00 Uhr)
      27.06 (10:00 Uhr-14:00 Uhr)



    Literaturverzeichnis

    Allgemein

    • Belting, Hans: Bild-Anthropologie. Entwürfe für eine Bildwissenschaft. München: Wilhelm Fink Verlag, 2001.
    • Belting, Hans / Dilly, Heinrich / Kemp, Wolfgang (Hg.): Kunstgeschichte. Eine Einführung. Berlin: Reimer Verlag, 1985.
    • Cassirer, Ernst: Die Philosophie der Aufklärung. Tübingen: Mohr Siebeck, 1932.
    • Coccia, Emanuele: Das Leben der Formen.
    • Coccia, Emanuele: Das sinnliche Leben. Berlin: Matthes & Seitz, 2018.
    • Coccia, Emanuele / Bense, Max: Schalten und Walten. Karlsruhe: ZKM.
    • de Man, Paul: Aesthetic Ideology. Minneapolis: University of Minnesota Press, 1996.
    • Derrida, Jacques: Die Wahrheit in der Malerei. Wien: Passagen Verlag, 1992.
    • Didi-Huberman, Georges: Was wir sehen blickt uns an. Zur Metapsychologie des Bildes. München: Wilhelm Fink Verlag, 1999.
    • Jauß, Hans Robert: Ästhetische Normen und geschichtliche Reflexion in der „Querelle des Anciens et des Modernes“. München: Wilhelm Fink Verlag, 1964.
    • Merleau-Ponty, Maurice: Das Auge und der Geist. Hamburg: Meiner Verlag, 2003.
    • Merleau-Ponty, Maurice: Phänomenologie der Wahrnehmung. Berlin: Walter de Gruyter, 1966.
    • Rancière, Jacques: Das ästhetische Unbewusste. Zürich/Berlin: Diaphanes, 2006.
    • Wölfflin, Heinrich: Kunstgeschichtliche Grundbegriffe. Das Problem der Stilentwicklung in der neueren Kunst. München: Bruckmann, 1915.

    Referenzierte Texte

    I. Sitzung

    • Adorno, Theodor W.: Ästhetische Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1970.
    • Baumgarten, Alexander Gottlieb: Philosophische Betrachtungen über einige Bedingungen des Gedichts (Meditationes philosophicae de nonnullis ad poema pertinentibus). Halle: Hemmerde, 1735.
    • Bennett, Jane: Vibrant Matter. A Political Ecology of Things. Durham/London: Duke University Press, 2010.
    • Deleuze, Gilles / Guattari, Félix: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II. Berlin: Merve Verlag, 1992.
    • Hildebrand, Adolf von: Das Problem der Form in der bildenden Kunst. Straßburg: Heitz, 1893.
    • Langer, Susanne K.: Fühlen und Form. Eine Theorie der Kunst. Frankfurt am Main: Fischer Verlag, 1987.
    • Malabou, Catherine: La plasticité au soir de l’écriture. Dialectique, destruction, déconstruction. Paris: Léo Scheer, 2004.
    • Riegl, Alois: Stilfragen. Grundlegungen zu einer Geschichte der Ornamentik. Berlin: Georg Siemens, 1893.
    • Simondon, Gilbert: L’individuation à la lumière des notions de forme et d’information. Grenoble: Millon, 2005.
    • Zimmermann, Robert: Allgemeine Ästhetik als Formwissenschaft. Wien: Braumüller, 1865.

    II. Sitzung

    εἶδος (eidos) und μορφή (morphē)

    • Aristoteles: Analytica posteriora. Übers. und hg. von Wolfgang Detel. Berlin: Akademie Verlag, 1993.
    • Aristoteles: Metaphysik. Übers. und hg. von Horst Seidl. Hamburg: Meiner Verlag, 1980.
    • Aristoteles: Physik. Übers. und hg. von Hans Günter Zekl. Hamburg: Meiner Verlag, 1987.
    • Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1974.
    • Platon: Euthyphron. In: Sämtliche Werke, Bd. 1. Übers. von Friedrich Schleiermacher. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1994.
    • Platon: Phaidon. In: Sämtliche Werke, Bd. 2. Übers. von Friedrich Schleiermacher. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1994.
    • Platon: Politikos (Der Staatsmann). In: Sämtliche Werke, Bd. 6. Übers. von Friedrich Schleiermacher. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1994.
    • Platon: Sophistes. In: Sämtliche Werke, Bd. 6. Übers. von Friedrich Schleiermacher. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1994.

    Zwischen den Formen der Natur, des Geistes und des Kunstwerks: Das Problem der Nachahmung und Mimesis

    • Alberti, Leon Battista: Drei Bücher über die Malerei (De pictura). Übers. und hg. von Oskar Bätschmann und Christoph Schäublin. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2002.
    • Burke, Edmund: Philosophische Untersuchung über den Ursprung unserer Ideen vom Erhabenen und Schönen (A Philosophical Enquiry into the Origin of Our Ideas of the Sublime and Beautiful). Hamburg: Meiner Verlag, 1989.
    • Goethe, Johann Wolfgang: Einfache Nachahmung der Natur, Manier, Stil. In: Sämtliche Werke, Bd. 18. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag, 1999.
    • Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Vorlesungen über die Ästhetik. 3 Bde. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1986.
    • Herder, Johann Gottfried: Kalligone. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag, 2000.
    • Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Hamburg: Meiner Verlag, 1998.
    • Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft. Hamburg: Meiner Verlag, 2001.
    • Leonardo da Vinci: Das Buch von der Malerei. Hg. und übers. von Marie Herzfeld. Jena: Eugen Diederichs, 1909.
    • Lessing, Gotthold Ephraim: Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie. Stuttgart: Reclam, 1987.
    • Winckelmann, Johann Joachim: Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst. Stuttgart: Reclam, 1986.

    Symbolische Formen, Gestalttheorie und der 19.Jh

    • Cassirer, Ernst: Philosophie der symbolischen Formen. Bd. 3: Phänomenologie der Erkenntnis. Berlin: Bruno Cassirer, 1929.
    • Ehrenfels, Christian von: Über Gestaltqualitäten. In: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie 14 (1890), S. 249–292.
    • Fechner, Gustav Theodor: Vorschule der Ästhetik. 2 Bde. Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1876.
    • Kandinsky, Wassily: Über das Geistige in der Kunst, insbesondere in der Malerei. München: Piper Verlag, 1912.
    • Nietzsche, Friedrich: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne. In: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe, Bd. 1. Hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. München: dtv / de Gruyter, 1980.
    • Wertheimer, Max: Untersuchungen zur Lehre von der Gestalt II. In: Psychologische Forschung 4 (1923), S. 301–350.

    Die 20.Jh: Phänomenologie und die Geometrie des Geistes

    • Apollinaire, Guillaume: Die Maler des Kubismus. Ästhetische Betrachtungen (Les Peintres cubistes, 1913). Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1989.
    • Bell, Clive: Art. London: Chatto & Windus, 1914.
    • Brassaï: Gespräche mit Picasso. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1966.
    • Gropius, Walter: Idee und Aufbau des Staatlichen Bauhauses. München: Albert Langen Verlag, 1923.
    • Husserl, Edmund: Formale und transzendentale Logik. Hamburg: Meiner Verlag, 1978.
    • Husserl, Edmund: Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Erstes Buch. Husserliana III/1. Den Haag: Nijhoff, 1976.
    • Husserl, Edmund: Logische Untersuchungen. 2 Bde. Halle: Niemeyer, 1900/01.
    • Malewitsch, Kasimir: Die gegenstandslose Welt (Die Welt als Ungegenständlichkeit). München: Bauhausbücher, 1927.
    • Merleau-Ponty, Maurice: Das Sichtbare und das Unsichtbare. München: Fink Verlag, 1986.
    • Merleau-Ponty, Maurice: Phänomenologie der Wahrnehmung. Berlin: Walter de Gruyter, 1966.
    • Mondrian, Piet: Der Neoplastizismus (Le Néo-Plasticisme, 1920). In: Harry Holtzman / Martin S. James (Hg.): The New Art – The New Life: The Collected Writings of Piet Mondrian. Boston: G. K. Hall, 1986.

    III. Sitzung

    Postmodernität

    • Deleuze, Gilles: Logik des Sinns. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1993.
    • Derrida, Jacques: Dissemination. Wien: Passagen Verlag, 1995.
    • Derrida, Jacques: Die Stimme und das Phänomen. Einführung in das Problem des Zeichens in der Phänomenologie Husserls. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1979.
    • Derrida, Jacques: Grammatologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1983.
    • Derrida, Jacques: Randgänge der Philosophie. Wien: Passagen Verlag, 1988.
    • Malabou, Catherine: La plasticité au soir de l’écriture. Dialectique, destruction, déconstruction. Paris: Léo Scheer, 2004.

    Kybernetik, Informationsästhetik, Generative Kunst & frühen Medienkunst

    • Bense, Max: Aesthetica. Einführung in die neue Ästhetik. Baden-Baden: Agis Verlag, 1965.
    • Foerster, Heinz von: Sicht und Einsicht. Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie. Braunschweig/Wiesbaden: Vieweg, 1985.
    • Glanville, Ranulph: Objects. London: Institute of Cybernetics, 1975.
    • Luhmann, Niklas: Die Form „Person“. In: Soziale Welt 42/2 (1991), S. 166–175.
    • Luhmann, Niklas: Die Kunst der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1995.
    • Luhmann, Niklas: Schriften zu Kunst und Literatur. Hg. von Niels Werber. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2008.
    • Moles, Abraham A.: Informationstheorie und ästhetische Wahrnehmung (Théorie de l’information et perception esthétique). Köln: DuMont, 1971.
    • Pask, Gordon: An Approach to Cybernetics. London: Hutchinson, 1961.
    • Spencer Brown, George: Gesetze der Form (Laws of Form). Lübeck: Bohmeier Verlag, 1997.
    • Weibel, Peter (Hg.): Jenseits von Kunst. Beiträge zur Kultur des Medienzeitalters. Wien/New York: Springer, 1997.
  • Elena Asins und die Kryptographie der Form

    Elena Asins und die Kryptographie der Form

    Aus Anlass meines neuelichen Aufenthalts im Baskenland – im Zusammenhang mit meinem Übersetzungsprojekt zu den ästhetischen Schriften Jorge Oteizas – begegnete ich, weniger zufällig als vielmehr in einem kairotischen Zeitpunkt, einer Ausstellung zum Werk von Elena Asins im Kubo Aretoa (Kursaal) in Donostia, kuratiert von Juan Pablo Huercanos.
    Die Ausstellung war großartig, hervorragend kuratiert – und ihre Entdeckung ein kleines Wunder. Was folgt, sind einige Überlegungen zu Elena Asins’ künstlerischer Laufbahn, ihrem Werk und den Fragen, die es durchziehen.

    Elena Asins (Madrid, 2. März 1940 – Azpirotz, Navarra, 14. Dezember 2015) war eine bedeutende bildende Künstlerin und gehörte zur ersten Generation, die Computerkunst einsetzte.

    Vom Expressionismus der Form zu geometrischen Gestaltungen

    Die Sprache Mondrians erweist sich in ihrer essenziellen Reduktion als nahezu unvermeidlicher Ausgangspunkt für neue plastische Überlegungen. Unter seinem Einfluss entwickelte Elena Asins ein besonderes Interesse am Expressionismus der Form und wandte sich zunehmend geometrischen Gestaltungen zu, deren Grundlage Maß, Ordnung und räumliche Struktur bildeten.

    „Mein Interesse an der gesamten geometrischen Gestaltung des Raumes lag vor allem in dessen Vermessung. Daher rührt auch die Betonung rein linearer Strukturen, die im Verlauf ihres Prozesses die Farbe nach und nach zurückdrängten.“

    Rechenzentrum der Universität Complutense Madrid

    Bis 1968 war Elena Asins’ künstlerische Entwicklung wesentlich von der Suche nach Ordnung, Struktur und formaler Präzision geprägt. Einen entscheidenden Impuls erhielt sie in diesem Jahr am damaligen Rechenzentrum der Universidad Complutense in Madrid, wo Informatikseminare zur „automatischen Generierung plastischer Formen“ und zu „berechenbaren Formen“ ihre Fähigkeit zu Analyse, systematischer Ordnung und kontrollierter Strukturierung nachhaltig beeinflussten. Dabei setzte sie sich intensiv mit den Möglichkeiten algorithmischer Gestaltung auseinander und erhielt zugleich eine Ausbildung in computergestützter Logik, die für ihr späteres Werk grundlegend werden sollte..

    Vom Expressionismus der Form zur seriellen Ordnung: Begegnung mit der Aesthetische Information Max Benses

    In Stuttgart gewannen die zunächst noch diffusen Ideen der Informationstheorie konkrete Gestalt — in den Strukturen einer neuen seriellen Ordnung.
    Struktur und serielle Ordnung prägen das Werk von Elena Asins und stehen im Einklang mit der operativen Geschlossenheit computergestützter Algorithmen und ihrer iterativen Logik. Diskrete Zeichen und iterative Wiederholungen bestimmen eine mathematisch paradoxe Informationsgrammatik: in ihrer Organisation geschlossen, in ihrer Codierung jedoch offen. Genau diese informationelle Sprache wollte Asins in die bildende Kunst übertragen.
    Zwischen 1966 und 1973 widmete sie einen Teil ihrer Zeit der experimentellen Poesie und stand dabei in engem Kontakt mit Max Benses Aesthetica, seiner Abhandlung zur numerischen Ästhetik. Darin werden bestimmte „ästhetische Zustände“ beziehungsweise „ästhetische Realitäten“ mithilfe arithmetischer und statistischer Rechenschemata gestalttheoretisch und informationstheoretisch bestimmt, klassifiziert und messbar gemacht.

    Für Asins bedeutete die Arbeit mit algorithmischen Strukturen weit mehr als eine bloße technische Methode. Sie verstand darin eine eigene Logik des Gestaltens — geprägt von Zirkularität, Iteration und differenzieller Wiederholung. Durch Schleifenprozesse und rekursive Verfahren entstehen fortlaufend neue Formen aus bereits erzeugten Strukturen; Linien entwickeln sich kontinuierlich weiter und eröffnen ein Spiel zwischen Ordnung, Variation und potenzieller Unendlichkeit.

    Dieses Denken wurde unter anderem durch Ludwig Wittgensteins Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik (ca. 1937–1944) beeinflusst. Dort erscheint Mathematik nicht als abstraktes System ewiger Wahrheiten, sondern als eine Form von Grammatik: als Regelwerk, das den Gebrauch von Zeichen und Begriffen organisiert. Mathematische Axiome sind demnach weniger Repräsentationen von Ideen als vielmehr operative Strukturen innerhalb einer Sprache. In dieser Verbindung von Regel, Struktur und Offenheit fand Asins eine entscheidende theoretische Grundlage für ihr eigenes künstlerisches Arbeiten.

    Kryptologie statt grafischer Kunst

    Elena Asins verstand ihre Arbeiten weniger als rein grafische Kompositionen denn als eine Form visueller Kryptologie. Diagramme, Zeichenfolgen und strukturierte Systeme durchziehen ihr gesamtes Werk und treten insbesondere seit ihrer Arbeit mit Computern deutlich hervor. Jedes Element besitzt für sie Bedeutung; selbst minimale Verschiebungen und kleinste Variationen tragen semantisches Gewicht. Kunst erscheint dabei nicht als durch Deutung entfremdetes Zeichen oder als von Natur und Leben getrennte ästhetische Oberfläche, sondern als Ausdruck einer den Dingen selbst innewohnenden Ordnung und Präzision, deren Bedeutung zu entziffern ist.

    Menhir 2

    Mit der Werkreihe Menhir führte Elena Asins ihre Auseinandersetzung mit Raum, Ordnung und serieller Struktur auf architektonischer Ebene fort. Die Arbeit besteht aus einer Reihe von vierzig miteinander verbundenen Elementen, deren Anordnung nicht zufällig, sondern nach einem präzisen kombinatorischen System organisiert ist. Dieses folgt denselben Gesetzmäßigkeiten, die bereits ihrer Dolmen-Serie zugrunde lagen, verlagert die Struktur jedoch von einer überkreuzten hin zu einer linearen Lesbarkeit: Die Elemente entfalten sich nacheinander innerhalb eines räumlich-zeitlichen Kontinuums.

    „Nachdem die Notwendigkeit der vorherigen Konstruktion erfüllt war, begann ich, einen Tempel für das Leben und die Stille zu erahnen und zu ersehnen — einen Ort der Meditation in einem zugleich architektonischen, bewohnbaren, klaren und erhabenen Raum. (…)Während die Besetzung des zweidimensionalen Raumes den Blick auf die Betrachtung der acht zweidimensionalen Menhire lenkt, die den neutralen Raum der umgebenden Wand einnehmen, zeigen diese in ihren jeweiligen Positionen die acht Möglichkeiten, die ein Menhir besitzt, wenn sein Winkel entsprechend der Bewegung der Zeiger einer Uhr gedreht wird.“

    Elena Asins

  • Embedding Systems and Emergency in Complexity

    Embedding Systems and Emergency in Complexity

    From 9 to 11 March, the “Embedding Systems” conference will be held as part of the AMIDEX Excellence Chair Project, “Transdisciplinarity and Complexity Research at Aix-Marseille University”.

    The aim of the conference is to investigate the concept of embedding of a system within its environment, examining it in relation to the emergence of complex structures, both as a thesis and as a research hypothesis. This perspective potentially shifts the focus of emergence from the system itself to the environment in which it is embedded.
    This approach can be explored across multiple disciplines, including studies of living systems, ecology, and computer science. Accordingly, the conference will combine formal presentations with discussions and interdisciplinary exchanges. These exchanges will take place through structured discussion rounds, walks, and targeted methodological sessions. We would like to emphasize that learning from one another is just as important as presenting one’s own work.

    Participants: Dr Pedro Jacobetty (Digital Sociology), University of Potsdam, Prof. Francisco Lloret (Ecological Research and Forest Applications), Autonomous University of Barcelona (UAB)/Center for Ecological Research and Forest Applications (CREAF), Prof. Jean-Pierre Llored (Chemistry and Philosophy), Fondation École Centrale Casablanca & Department of Humanities and Social Sciences, École CentraleSupélec, Dr Federico Boem (Biology), Ruhr University, Prof. Erica Onnis (Philosophy), IMERA, Dr. Arantzazu Saratxaga (Philosophy), Aix-Marseille University

    More information: https://www.tcore-chair-amu.fr/agenda/embedding-systems-and-emergence-in-complexity/


  • Reading Group: Process and Reality. An Essay of Cosmology.

    Reading Group: Process and Reality. An Essay of Cosmology.

    Whitehead’s process philosophy presents a dynamic ontology in which reality is understood as a network of unfolding events rather than static substances. This view aligns with complexity theory, which studies emergent, nonlinear and adaptive systems. Both approaches emphasise relationality, processuality and becoming over being. Rather than appearing as a closed whole, reality is seen as an ongoing, creative process characterised by interactions. Complexity theory provides an epistemological framework through which Whitehead’s metaphysical concepts can be interpreted in a systemic and interdisciplinary manner. This connection enables a deeper understanding of living systems, social dynamics and ecological processes, promoting holistic perspectives on reality and knowledge.

    January – December 2026
    (4:30 PM): 23.01 – 20.02 – 20.03 – 17.04 – 22.05 – 19.06 – 24.07 – 21.08 – 18.09 – 23.10 – 20.11 – 18.12


  • Artikel: „Die Asymmetrie der Mutter-X Stimme“.

    Artikel: „Die Asymmetrie der Mutter-X Stimme“.

    This essay uses a philosophical-hermeneutic reading of the Oracle of Delphi’s heralds to portray the mother’s voice as a failed beginning, creating an asymmetry in communication.
    The ancient Pythiae, who received and transmitted the divine voice, are associated with the art of divination. In this essay, however, the reception of Mother Earth’s voice is attributed to a hermeneu- tics of listening. The Oracle of Delphi speaks from the earth’s locus, where the serpent Python, slain by Apollo, dwells. Priestesses receive messages from Mother Earth and convey them in the form of sayings, which priests and philosophers then translate and write down. The circle of communicati- on is maintained by the asymmetry of the ›mother‹ voice.

    Keywords: mother voice; hermeneutics; oracle; divination; listening

    https://doi.org/10.14361/zig-2025-160111


  • Lecture: “Emergence through environmental embedding.”

    Lecture: “Emergence through environmental embedding.”

    I am delighted to present my lecture, ‚Emergence through Environmental Embedding‘, at the XII Intercontinental Conference, ‚The Complexity of World Order Emergence‘, organised by the World Complexity Science Academy (WCSA).

    Abstract

    The aim of my presentation is to present the philosophical theories to understand the phenomenon of emergence, not as the matter itself, but as the (self-)organisation of the system. The organisation of the system arises from the relational correlation between system and environment, in such a way that the emergence can also be successful, under condition of embedding in the system. The ecological relational of embedding is the principle of generation of structures or emergence of patterns.

    The ontological analysis of the concept of emergence shows that only the embedding of emergent properties in certain emergent levels or layers enables the permanent emergence of new structures. Conversely, the singular appearance of any new thing as an object, property, or structural element would only be an irrelevant variation of the given, which occurs constantly and everywhere anyway. The resulting ontological questions are, for example What is an emergent level? How do individual variations of the given gradually coalesce into emergent properties and objects? How can the relationship between different emergent levels be described?

    The ontological approach to the study of emergence is thus holistic in nature, i.e. it sees the whole of a structural section of the world as the actual carrier of emergence. If we assume that emergence is a certain kind of event, i.e. a process, then emergence theory falls within the realm of general process philosophy. It follows that general process conditions, i.e. those that apply to any conceivable process, must also apply to emergent processes. Emergence as a structural phenomenon can thus be understood as a differentiation of antecedent process conditions.

  • Lecture: “L’Endomilieu: : L’intérieur est l’extérieur du système”

    Lecture: “L’Endomilieu: : L’intérieur est l’extérieur du système”

    It is a pleasure to present my lecture, „L’Endomilieu: The Interior is the Exterior of the System” at the 40th ASPLF Congress, “Cosmos: milieu, environment, univers,” at the Autonomous University of Madrid.

    Abstract

    The topic of this paper is an explanation of the inside/outside relation between the milieu and the system.
    I would like to place this discussion in the midst of two seemingly opposing views: On the one hand,
    the post-structuralist legacy of Foucault, along with the concept of environment of Deleuze and Guattari,
    who have assigned the latter towards an outside, and on the other hand, the concept of milieu of theories
    of operational closure (Heinz von Foerster, Niklas Luhmann, Gotthard Günther, etc), according to which
    the milieu is placed inside the system.
    The concept of environment represents an outside for both ecological studies and general systems
    theory. It is regarded as an outside that interacts with the system. The self-organization theories initiated
    a turn in the system/environment paradigm. Milieu or environment are no longer introduced into the
    order of observation as the outside, but only through their difference from the system or, in other words,
    via the opposition of system/environment. Through the dialectical method of re-entry, operative theories
    assume that there is no longer an outside, and if there is, it is introduced into the system as a blind spot.
    Thus, self-organization theories that have formulated openness to the outside and closure to the inside
    and provided formalization accodringly, contribute to the abolition of the concept of outside. The
    dissolution of an external objective reality is realized in exchange for an omnipotent subject that can see
    or observe everything. The inside of the system becomes the outside for self-organization theories as
    soon as it turns into a blind spot. The inside of a system, the black box that controls it and simultaneously
    classifies its input, forms the unpredictable outside of the observer.
    A dialogue between post-structuralist positions on the outside of thinking in combination with the
    approaches of the disappearance of the outside in the operative theories can be very fruitful for today’s
    conversations about an increasingly complex world and its means to observe its epistemology.

  • Das Rätsel, ob negative Entropie zu simulieren ist: Ein Kommentar zu Henri Atlans Text „The Mother Machine“.

    Das Rätsel, ob negative Entropie zu simulieren ist: Ein Kommentar zu Henri Atlans Text „The Mother Machine“.

    Als ich in den gesammelten Schriften des Biophysikers Henri Atlan nachschlug, erweckte sein 2005 veröffentlichter Text The Mother Machine meine Aufmerksamkeit.

    Im ersten Augenblick war ich erstaunt darüber, dass ein Naturwissenschaftler, der den kybernetischen Theorien sehr nahesteht, sich überhaupt für die weibliche Seite der Reproduktion interessiert, denn der Diskurs der Selbstorganisation sowohl in den Naturwissenschaften als auch in den Kommunikations- und Informationstheorien ist im Wesentlichen männlich dominiert, während Frauen die Rolle von echten Information-Maschinistinnen einnahmen, wie schon Friedrich Kittler in seinen beiden Büchern zeigt und wie es auch die schöne Geschichte der Musikelektronik (sisterswithtransistors) beweist.

    Es handelt sich um eine Rezension des Buches von Gena Corea aus dem Jahr 1985: The Mother Machine: Reproductive Technologies from Artificial Insemination to Artificial Womb. Henri Atlan muss nichts anderes tun, als die Hauptthese Coreas bestätigen. Der rote Faden des Buches besagt, dass die Fortschritte in der Reproduktionsmedizin den Traum von der Selbstbestimmung der Frauen über ihren Körper nicht erfüllen, sondern Frauen vielmehr ihrer Handlungsmacht über ihren Körper berauben. Warum? Wegen der „Wiederaneignung der bisher von Männern monopolisierten reproduktiven Techniken“ (Atlan 2005: 345).

    Auch wenn sich in den letzten 40 Jahren die Gleichberechtigung in der Arbeits- und Forschungswelt verbessert hat, folgt die gesamte technische und medizinisch-pharmazeutische Industrie nach wie vor neoliberalen biopolitischen Kriterien, die mit weiblicher Emanzipation schwer vereinbar sind. Dies liegt nicht nur an der männlichen Dominanz in den gesellschaftlichen Strukturen, sondern vor allem an der seit der Nachkriegszeit beschleunigten Etablierung einer neoliberalen, produktions- und vor allem leistungsorientierten Arbeitskultur.

    Reproduktionstechnologien und Emanzipation

    Das erste Argument, das Atlan anführt, bezieht sich auf eine These, der Corea einen Artikel gewidmet hat: „The hidden malpratice: how American medicine mistreats women“ (Atlan 2005: 1985). Darin geht es um die Missachtung des weiblichen Körpers in medizinischen Studien im Allgemeinen. Medizinische Studien würden ihr Verfahren auf die Verallgemeinerung des Geschlechts legen, sodass durch die Nichtberücksichtigung der weiblichen biologischen Voraussetzungen bei Frauen viel mehr negative Auswirkungen als bei Männern eintreten. Die schädliche Konsequenz einer „hypermediacalized procreation“ (Atlan 2005: 343) wird mit einem zweiten Argument aufgezeigt: Die Reproduktionstechnologien, so die These, sollen Frauen nicht von der Reproduzierbarkeit ihres Körpers befreien, sondern ihn im Gegenteil unausweichlich in den Dienst der Reproduktion stellen, trotz schwieriger Bedingungen. Sie sollen ihren Körper in den Dienst der Sicherung des Nachwuchses stellen, durch klinische Verfahren und trotz auftretender Schwierigkeiten. Ihre Körper werden „unjustifiably sacrificed on the altar of reproduction“ (Atlan 2005: 343).

    „But this is only the beginning of a long history of medical interventions, paved with good intentions, to be sure, but in which womenʼs bodies have been unjustifiably sacrificed on the altar of reproduction“ (Atlan 2005: 343).

    So geht es in seinem Kommentar nicht um die ethischen Aspekte der Reproduktionstechnologien. Der emanzipatorische Diskurs und die emanzipatorische Haltung, die in der Tat sehr viel zur sozialen Bewegung der Frauenemanzipation beigetragen haben, bedeuten für Gena Corea jedoch, so Atlan, zwei Seiten einer Medaille. Laut ihnen bleibt die Asymmetrie der Geschlechter durch die Reproduktionstechnologien aufrechterhalten. Sollten die Reproduktionstechnologien eine emanzipatorische Bewegung vorantreiben, wenn Frauen unabhängig von gesellschaftlichen Strukturen über ihren Körper selbst bestimmen könnten, so ist das Gegenteil der Fall, falls eine illegitime Aneignung des weiblichen Körpers durch die technomedizinische Institution stattfindet. „This frankly astonishing observation joins many others accumulated by Corea in support of her thesis of the medical mistreatment of woman of reproductive technology“ (Atlan 2005: 344). Tatsächlich ist nicht die Technik das Problem, sondern die gesellschaftlichen Strukturen, in denen sie operiert.

    Aufhebung sozialer Asymmetrien

    Mit dem provokanten Titel „Mother Machine“ wollte Henri Atlan die sozialen Konsequenzen als Herausforderung an die Gesellschaft darstellen, von dem, was sozialtechnisch noch als Irrealität, aber nicht als Unmöglichkeit erscheint, nämlich die künstliche Reproduktion einer Gebärmutter. In diesem Zusammenhang stellt er die Frage, ob eine exo-mütterliche Gebärmutter die Asymmetrie der Geschlechter ausgleichen könnte. Man könnte hoffen, dass eine künstliche Gebärmutter die Ungleichheiten bei der Versorgung Neugeborener ausgleichen würde. Aber es wäre nicht notwendig, die Geschlechterdifferenz aufzulösen, wenn sie viel weiter geht als die mütterliche vs. väterliche Rolle, die ein bestimmtes bürgerliches Dreieck „Vater/Mutter/Kind“ der westlichen Länder einnehmen würde.

    „What will comprise the masculine and feminine genders and their articulations in a world where the asymmetric of the sexes in reproduction will have disappeared?“ (Atlan 2005: 350)
     

    Die Simulation der generativen Bildungskraft

    Beim Titel „Mother Machine“ weiß man bzw. ich nicht genau, welche Simulation gemeint ist: die der Mutter – nämlich die der äußeren (allo)mütterlichen Instanz – oder die der Gebärmutter – nämlich ein dem Körper der Mutter innerlicher ontogenetischer Prozess.

    Die Simulation der Gebärmutter und der Mutter sind sehr unterschiedliche Dinge. Tatsächlich bezieht Atlan sich auf die Simulation der Gebärmutter, d.h. auf die Simulation einer ökologischen Nische, die in der Welt nicht entäußert ist. Aber er verweist kaum auf den radikalen ontologischen Unterschied zwischen den beiden, nämlich auf das unterschiedliche Verhältnis, das sie jeweils zur Welt haben. Insofern die Mutter ein in der Welt befindliches Wesen ist, ist der Uterus ein inneres Organ im Körper der Mutter, in dem die Morphogenese des Embryos stattfindet. Die Simulation einer mütterlichen Maschine wäre eigentlich das Abbild bzw. die Kopie eines Wesens, das mütterliche Eigenschaften besitzt und ausführt. Die Simulation einer Nische, die aber innerlich im Körper der Mutter existiert, mit ontogenetischen Eigenschaften, wäre eine Simulation zweiter Ordnung: erstens die Erfindung einer aus dem Körper der Mutter externalisierten und entäußerten Bildungsmaschine und zweitens die einer Maschine, die Ontogenese und Morphogenese ausführt.

    Atlan selbst widmete sich wissenschaftlich dem Bildungstrieb. Als Autor und Erforscher der Selbstorganisation sowohl in organischen als auch in anorganischen und technischen Systemen plädierte er dafür, die Organisation eines Systems, d.h. die Organisation der Strukturen eines bestimmten Systems, sei es organisch oder nicht, sei informationell. Sie ist eine Eigenschaft, die alle Systeme besitzen, sofern sie mit einem Außen in Wechselwirkung stehen und ein Austausch von Energie und Materie stattfindet, während Information um ihrer selbst willen erzeugt wird. Je nachdem, wie viel Energie abgeführt oder vergeudet wird und wie groß die Fähigkeit und die Kapazität des Individuums sind, Arbeit zu verrichten oder Informationen aufzunehmen, laufen unterschiedliche Organisationsprozesse ab.

    Aber ist die Gebärmutter ein selbstorganisierender Körper, par excellence, simulierbar? Ist die negative Entropie ein simulierbarer Entstehungsmotor?

    Als die Alchemist*innen sich daran machten, das Leben zu simulieren, versuchten sie in Wirklichkeit,
    das zu überwinden, was die Naturwissenschaften später als 2. Hauptsatz der Thermodynamik bezeichneten, den Ludwig Boltzmann und andere ebenso zu überwinden trachteten. In der Geschichte der technischen Utopien und vor allem in der literarischen Geschichte der Science Fiction hat man sich nie vorstellen können, das zweite Gesetz der Thermodynamik zu überwinden, ohne eine dritte Art, ein drittes Geschlecht zu postulieren.

    Eine Womb Machine würde also nicht die Geschlechterdifferenz aufheben, sondern allenfalls die Asymmetrie zweier Geschlechter durch die Schaffung eines dritten Geschlechts ausgleichen.

  • SUB-ENSEMBLE: PHILOSOPHICAL COURAGE

    SUB-ENSEMBLE: PHILOSOPHICAL COURAGE

    Seit dem letzten Beitrag über die Geontologie von Elisabeth von Povinelli habe ich nichts mehr geschrieben.

    Teilweise liegt dies an der intensiven Befassung mit meinem Buchprojekt über die Kontingenz der Ordnung, anhand einer Reise über Entropie, die Zeit, die vergeht ohne wiederzukehren, und die Unordnung verursacht oder die Unvollständigkeit des Wissens offenbart. Tatsächlich ist dies eine Gelegenheit, das Blogprojekt zu unterbrechen. Es war mehr als eine Pause, es war eine Atempause. Zu welchem Zweck? Über den Sinn des philosophischen Schreibens nachzudenken. Warum? Weil im Kontext der Akademie und der Wissenschaftsproduktion, wenn Wissenschaft immer positiver gedacht und praktiziert wird, immer wieder die Frage gestellt wird, ob es überhaupt noch einen Rahmen für philosophisches Denken geben wird. Ich will nicht dem Ende des Denkens das Wort reden, aber der Drang und der Durst danach werden leicht durch die positivistische Wissenschaft, durch den metaphysischen Dogmatismus erstickt. Denken, wozu? Es klingt, als sei das Denken viel zu anstrengend, auch für die WissenschaftlerInnen, sodass sie lieber die Maschinen es berechnen lassen. Außerdem sei die Muse des Denkens so nutzlos, dass man heute keine Zeit mehr habe, sich ihr zu widmen. Ich nehme an, dass es viel Theorie gibt, auch angewandte Philosophie. Aber die spekulativen Denkrichtungen sind Wege, die von den akademischen wissenschaftlichen Forschungsrichtungen immer ausgeschlossen werden, weil sie nicht in der Lage sind, die positive Kraft der Wissenschaft zu erfüllen. Außerhalb des Verständigungsrahmens des etablierten Wissens zu denken und über das Unbekannte zu sprechen, dieses Paradoxon, in dem sich die Philosophie immer bewegt hat, ist heute die Kunst.


    Ich erinnere mich noch gut an jenen Tag, an dem dieser Blog begann. Für den ersten Eintrag habe ich einen paraphysischen Text geschrieben. Er sollte den Blog einweihen und man sollte wissen, worum es geht. Ich wollte keine Erklärung geben, sondern es den Augen der Leserinnen und Leser überlassen. Die aus Wörtern zusammengesetzte Gedankencollage diente freilich einem konkreten Versuch: die Züge loser Stücke wiederzufinden, also scheinbar Verpasstes, Verlorenes, Vergangenes, Unwiederbringliches wiederzugewinnen.

    SUB-ENSEMBLE: PHILOSOPHICAL COURAGE

    Eines Tages fragte die Dame von Amboto, einer Göttin, die auf einem Berg im Nordwesten der iberischen Halbinsel lebte und Mari hieß, wo ihre Gefährtinnen seien. Die Ortsangabe ist nicht so wichtig wie ihr Vorhaben: Sie begaben sich auf die Suche nach dem Nichts (ezaren bila). Die Gefährtinnen der Göttin Mari gingen auf die Suche nach dem Nichts, nach dem, was einem genommen worden war.

    Ein Hirte sollte 100 Schafe haben, von denen er eines Tages nur noch 90 hatte. Die Gefährtinnen machten sich auf die Suche nach den fehlenden 10 Schafen. Sucherinnen des Verlorenen, Siegerinnen des Verstoßenen, Bejaherinnen der Einheit sind die Gefährtinnen Maris. Wir haben sie benutzt, um den Überbleibseln jenes Umbruchs eine Stimme zu geben, all denen, die auf dem Weg verloren gegangen sind, die zurückgewiesen, ignoriert oder nicht gehört wurden.

    Verstümmelte Stücke, lose Teile, verlorene Partikel, wo sind die fehlenden 10 Schafe?

    Brocken sind zerbrochene Stücke. Lose Teile zeugen von einem verlorenen Zusammenhang. Zeichen eines abwesenden Objekts, jeder lose Brocken zeugt von einem Bruch. Er ist ein Rest, kein Gegenstand. In den rohen Stücken, den Partikeln eines zerbrochenen Zusammenhangs, lässt sich etwas Unvollständiges erkennen. Bruchstücke wollen nicht die Wahrheit sagen. Sie bleiben stumm in ihrer Unvollkommenheit, Teil einer verlorenen Geschichte und Zeuge einer Verneinung. Ein Brocken ist, wie jedes zerbrochene Stück, ein Zeichen dieses Bruchs. Abbrüche und Brüche sind Zeichen eines verlorenen Zusammenhangs. Wenn der Gegenstand des Zeichens abwesend ist, kommen die Gefährtinnen, um ihn zu jagen. Nur dann kann man den abwesenden Objekten auf die Spur kommen.

    Dieser Blog wird jedem Brocken, der für sich und bei dir steht, seine Stimme geben. Wir wollen die Ohren öffnen und uns auf die Resonanz unselbstständiger Zeichen, unvollendeter Denkmuster einlassen. Wir wollen nicht mehr sehen, wir vertrauen der Unmittelbarkeit sinnlicher Gewissheit. Diese ist ein Raum der paroles, wo das Herz die Stimme nachholt und sie im Vordergrund des Schreibers steht. Logo-Dilexie, Logo-Aphasie; eine Disruption der Wahrnehmung in der Sprache. Das Nichts-Sagen-Können wird hier durch Alles-Wahrnehmen-Können ersetzt. Ein Behälter von Brocken jeder Art. Von einem Podcast über ein Bild bis zu einer Zeile. Interviews, Essays, Kommentare, Bild-Kommentare, Ereignis-Kommentare, Kommentare über Kommentare, Text von Texten, Stimme von Stimmen. Apokryphen, vergessene Stimmen, verbrannte Körper; ein Schlachtruf gegen das Schweigen, gegen die Verschämtheit.

    Sub- ist noch kein Teil, es ist ein Anschlussteil

    Ein unselbstständiges Stück, da ihm ohne Anschlüsse an Worte keine Bedeutung beigemessen wird. Ein selbstständiger Brocken als ein in sich vor dem folgenden Wort mehrdeutiger Trägerpotenzieller Bedeutungen. Eine Ode an die Autonomie und dafür, voneinander unabhängig zu bleiben. Sub- befindet sich im Regime der Möglichkeiten der Potenz.(Sub)Ensemble: Kreislauf von Anschlüssen und Bindungen. Jedes Stück istnotwendigerweise angeschlossen; jedes bleibt aber unabhängig von den anderen. DieStücke werden nicht im Prozess der rekursiven Kausalität dem Ganzen unterworfen,sie bleiben unabhängig voneinander.Sub- steht für eine Tiefe. Eine Tiefe in der Dimension einer Struktur. Sub- ist demBlick des Beobachters entzogen. Die Tiefe ist unsichtbar, man nennt diese Sub-, mansieht sie aber nicht.

    Keine Extraktion! Ist das epistemische Lemma.

    Sub- bleiben voneinander unabhängig, aneinander angebunden; sub-irdisch, sub-bewusst; sub-somatisch.


    Der Blog war und ist ein Sammelbecken für Buchbesprechungen, Kommentare, Interviews etc. Aber der ursprüngliche Anspruch bleibt, Spuren zu lesen, Spuren von Geschichten, die nicht verloren gegangen sind, wieder aufzuschreiben. Das Verleugnete, das Geraubte, das Fehlende, das Verlorene, das nicht Wiederkehrende sind nicht verschwunden. Es kehrt zurück in der Differenz der Differenz. In anderer Form, in anderer Gestalt, in anderer Erscheinung, wiederkehrend. Es geht hier nicht um den Widerstand gegen den Verlust. Es geht vielmehr darum, die Erwiderung jenes Verlusts in Anspruch zu nehmen.

  • EIN REQUIEM AUF DEN SPÄTLIBERALISMUS, wenn man denn eine Trauerfeier würdigen will.

    EIN REQUIEM AUF DEN SPÄTLIBERALISMUS, wenn man denn eine Trauerfeier würdigen will.

    Beim Lesen des fast 320 Seiten dicken Buchs „Geontologien: Ein Requiem auf den Spätliberalismus“ freut man sich über ausführliche Gedanken zur Ontologie der Erde. Man freut sich über eine Seinsgeschichte der Erde, denn diese wurde zugunsten der Rechtsordnung des Himmelsgottes Zeus herabgewürdigt. Man erfreut sich an der Geschichte der Erde, deren Töne nicht im Widerhall des Himmels nachklingen (die Erde tönt, gestimmt in das „Echo des Himmels“). Man freut sich über das Anhören ihrer Geschichte, geschrieben nach ihren Gesetzen, welchen sie untersteht, von denen der Puls Persephones sowie die in die Unterwelt Nachgeschickten zeugen, die aus dem Reich des Himmels ins Herz der Erde vertrieben wurden.

    Die amerikanische Anthropologin Elizabeth Povinelli erzählt in ihrem 2016 auf Englisch veröffentlichten Buch „Geontologies: A Requiem to Late Liberalism“ über die Ontologie des Nicht-Lebens (Geo-Ontologie) und über ihre Machtformen. Die Geschichte der Erde kommt nicht zur Sprache, wohl aber die Offenbarung der Gesetze der Erde über die Welt, die der Spätliberalismus als drohende Machtformen artikuliert. Beschreibt man die Erde als die verborgene Falte – ein Faden in Heideggers Technikphilosophie –, die durch das Werk die Welt eröffnet, dann spricht „Geontologien“ von den Offenbarungstechniken (des Spätliberalismus), mittels derer sich die Erde entschleiert. Durch Extraktion, Explotation, Enteignung und Deterritorialisierung tritt die Erde in die Welt und öffnet sich für sie.

    Geontologie & Geomacht

    Povinelli verwendet Geo als Ausdruck für Nicht-Leben. Diese Gleichsetzung wird nicht erklärt. Allerdings geht man intuitiv von der Verbindung zwischen den nicht organischen Strukturen (vor allem Rohstoffe) und dem Nicht-Leben aus. Diese Gleichsetzung erfordert aber einen Unterschied von Leben und Nicht-Leben. Geo soll auf diese Differenz antworten, und deshalb soll laut Povinelli die Differenz zwischen Leben und Nicht-Leben erhalten bleiben.

    „Geontologien, sowie die Geomachten, sind nicht die Ontologie des Nicht-Lebens, sondern die Ontologie, die aus der Differenz Leben/Nicht-Leben zu artikulieren sind, sowie die Machtformen, die aus der Differenz Leben und Nicht-Leben konstituieren“ (S. 65).

    Aus dieser Sicht ist der Erde keine organische Eigenschaft beizumessen, im Gegensatz zur Gaia-Hypothese, die den Planet Erde als einen Organismus, der sich selbst reguliert und aufrechterhält, postulierte. Povinelli bezeichnet das Nicht-Leben als Existenz- und Machtform, auf der die Logik des Spätkapitalismus beruht.

    Biopolitik: Wenn die Negation des Lebens nicht Nicht-Leben heißt.

    Foucaults Begriff Biopolitik hat den Schleier von den Machtstrukturen der modernen Gesellschaften weggezogen. Die Macht konstituiert sich in der Form der Aufrechterhaltung des Lebens (Bios), und sie trägt die Kosten der Negation des Todes, was eigentlich eine Unmöglichkeit ist. Soziale Dispositive werden dafür zuständig, die Individualisierungsprozesse gegen jeden Ausdruck des Todes zu schützen, auf Kosten einer Gesellschaft, deren Normen ausschließlich für die Verweigerung des Todes stehen. Die Bestätigung des Lebens über die Negation des Todes, wenn der Tod selbst ein Teil des Lebens ist, ist weniger eine Paradoxie als ein Bestandteil einer libidinösen Struktur, deren Institutionalisierung der Psychoanalyse zu verdanken ist: Wenn sich das Begehren (Eros) in zwei diametral entgegengesetzte Kräfte teilt, nämlich Lebenstrieb vs. Todestrieb, bleibt dem Ich nur übrig, sich für die Negation des Todestriebs zugunsten eines gesunden Körpers und einer gesunden Psyche einzusetzen.

    Als die Psychoanalyse den Todestrieb sowohl für körperliche als auch für geistige Erkrankungen verantwortlich machte, war es die Pflicht sozialer Institutionen (Schule, medizinische Einrichtungen etc.), die Gesellschaft gegen den Tod zu wappnen anstatt für ihr Leben zu sorgen. Doch diese Täuschung und die in ihr verborgenen Machtstrukturen hat Foucault entschleiert. Biopolitik ist der markanteste Terminus, der die Machtstrukturen, auf denen das Leben aufgebaut ist, bezeichnet: Das Leben, das den Tod als Teil des Lebens aufnehmen soll, spielt gegen ihn. Ergo: Die Politik über das Leben spielt gegen das Leben, denn der Tod hat am Leben teil. Ich wiederhole: Im Umkehrschluss heißt dies, dass das Leben gegen sich selbst vorgeht.

    Povinelli zeigt zugleich, dass diese Debatte schon längst eine Tradition in der Philosophie begründet hat. Beispiele dafür sind der von Hannah Arendt beklagte Eingriff des liberalen Staates in die Privatsphäre oder Canguilhems epistemologische Analyse der Gesetze des Normalen in den sozialen Institutionen. Ebenso zeigt die Autorin die Fruchtbarkeit der Machtanalyse Foucaults. Die These, dass eine auf der Negation des Lebens beruhende politische Praxis eine Gesellschaftsform der Affirmation des Todes modelliert hat, hat riesige Zustimmung gefunden. Der Terminus Inmunität wurde als die Spitze einer Erweiterung der biopolitischen Machtform begriffen. Von Agamben über Esposito und Derrida bis zu Donna Harawey kann man den roten Faden ziehen, dass den Tod schützende Techniken die Vernichtung des Lebens verursachen können, deren Ausdrucksform nicht der Tod ist, sondern die den Tod in einer leblosen latenten Lebensform aufzeigen. Darüber hinaus hat sich die auf dem Leben beruhende Politik in mehrere Formen der Machtstrukturen ausdifferenziert:

    „Biopolitik hat zahlreiche Neologismen hervorgebracht (…) wie Thanatopolitik, Nekropolitik, etc.“ (S. 14).

    Povinelli erkennt sämtliche Machtstrukturen und Existenzformen, welche der Dialektik Leben vs. Tod zugeordnet sind. Allerdings ergreifen die gegenwärtigen Machtformen eine über den Tod hinaus organisierte Form des Lebens, nämlich das Nicht-Leben.

    Povinellis Beitrag besagt, dass der späte Liberalismus über den Bios hinaus in eine Sphäre des Lebens greift, die nicht dem Tod entgegengesetzt ist, sondern dem Nicht-Leben. Sie entscheidet sich für die Begriffe Geontologie und Geomacht, weil sie feststellt, dass

    „die gegensätzlichen Komponenten Nicht-Leben (geo) und Sein (Ontologie), zurzeit in der spätliberalen Gouvernante der Differenz und der Marke im Spiel sind“ (S. 17).

    Die Geomacht stellt wie erwähnt eine Kombination von Diskursen, Affekten und Taktiken dar, die im Spätliberalismus eingesetzt werden und die Unterscheidung zwischen Leben und Nicht-Leben erhalten. Diese Macht ist aber nicht neu, sagt Povinelli, sie ist tief in der Verfahrensweise der Biomacht verwurzelt – über stochastische Abläufe spezifischer Algorithmen und Experimente in den sozialen Medien.

    Leben vs. Nicht-Leben: Die Erweiterung der Gattung (genos) Leben.

    Indem Povinelli die Machtstruktur des Spätliberalismus auf die Achse Leben und dessen Negation, Nicht-Leben, stellt, erweitert sie die biopolitische Dialektik auf einer übergeordneten Ebene: Das Leben (es beinhaltet sowohl das Leben als auch den Tod) vs. Nicht-Leben.

    „Das ist das Schema, das sich jetzt abzeichnet: Leben (Leben – Geburt, Wachstum, Fortpflanzung – vs. Tod) vs. Nicht-Leben“ (S. 23).

    Leben wird laut diesem taxonomischen Schema die Gattung (genos) sein, die Bios und Tod enthält. Ihr steht, laut einer zweiwertigen Klassik, deren Negation entgegen, das Nicht-Leben. Diese logische Methode der Taxonomie ist so alt wie die platonische Diharesis, nach der die Verallgemeinerungen und Unterschiede auf der Identitätslogik Leben = Leben beruhen.

    Eine Ausdehnung der Kategorie des Lebens (das sowohl Leben als auch Tod beinhaltet), die dem Nicht-Leben gegenübersteht, soll Povinelli die Möglichkeit geben, eine kritische Sprache zu finden,

    „mit der sich der Moment erfassen lässt, in dem eine Machtform, die in bestimmten Regimen des Siedler-Spätliberalismus seit langem selbstverständlich ist, weltweit zutage tritt“ (S. 17).

    Der Auslöser Anthropozän

    Eine auslösende Evidenz für die Ausdehnung der Gattung der Lebensordnung ist laut Povinelli das Anthropozän. Natürlich wird diese Trennung vom kapitalistischen Liberalismus vorangetrieben, doch ist das Anthropozän der Beweis einer neuen Organisation von Macht, die den Rahmen des Lebens, über den Tod hinaus, nun vom Nicht-Leben abgrenzt.

    Unter mehreren Quellen, die den Namen Anthropozän tragen, ist der geologische Hinweis für Povinellis Geontologie ausschlaggebend: Auf einmal war wissenschaftlich nachgeprüft und nachgewiesen, dass die Menschheit nicht zu den Tieren zählt, sondern sich als eine einzigartige Gattung, die den Planeten Erde bewohnt, in Wechselwirkung mit einer mineralischen Zusammenstellung herausgebildet hat. Im Anthropozän liegen genügend Nachweise für die geochemische Koppelung zwischen Mensch und Erde vor, da der Mensch sich in seinem anthropotechnischen Wesen ebenfalls herausgebildet hat.

    Das Leben kann sich nicht mehr aus der Koppelung von geo, bio und technischen Komponenten ergeben.

    Geomacht ist die Form des Spätliberalismus, denn sie ist die Macht über das Nicht-Leben. Die Macht drückt sich in Formen aus, in denen das Nicht-Leben als die Negation des Lebens bestätigt wird. Die Affirmation des Lebens leitet sich aus der Negation des Nicht-Lebens her: ein einfaches tautologisches Kalkül. Laut dieser Differenz sind die nicht-organisch strukturierten Wesensformen von ihrer Existenz enteignet.

    Povinelli veranschaulicht die Geomacht über die Ontologie des Nicht-Lebens mittels dreier Figuren. Sie will die Täuschung aufzeigen, dass die Anorganizität des Rohstoffs doch eine Existenzform besitzt.  Diese drei Formen sind drei Topologien, drei Vorbilder einer Machtform über das Nicht-Leben: Die Wüste, die Animistin und Viren. Die Wüste sei das Plateau der Extraktion, der Vertreibungen und somit der Löschung jeder Art von Signifikanten, die eine Teilhabe an einer territorialen Gebundenheit zeigt.

    Über die Existenzformen des Nicht-Lebens: Eine Paradoxie?

    Geontologie stellt eine Paradoxie dar, welche die naturwissenschaftliche Taxonomie leugnete, nämlich die klassische Dichotomie zwischen organisch und nicht organisch strukturierten Wesen, die Differenz zwischen Bios und Geo. Diese affirmiert die Existenzformen des Nicht-Lebens. Welche sind die Arten, die das Nicht-Leben umfasst? Stoffe, Röcke, Knochen, Fossilien etc. Die leblosen Stoffe, die anorganische Materie sind mit dem Bios verbunden. In dieser Koppelung kommen neue Ordnungen zustande.

    Die Affirmation der Existenz des Nicht-Lebens führt zu einer zweiten Frage: Welche sind dann ihre Normen? Auf welcher normativen Ebene beruhen sie? Elizabeth Povinelli ist natürlich auf die Normativität des Nicht-Lebens eingegangen, weil die Machtformen des Nicht-Lebens den roten Faden ihres Buches bilden. Im Rahmen der Materialismusdebatte (neuer Materialismus, spekulativer Materialismus, spekulativer Realismus und objektorientierte Theorie) sucht sie ebenso Lösungen dafür wie die kritische Theorie der letzten Jahre. Mit der Materialismusdebatte ist Kants Korrelation zwischen dem Denken und dem Sein zerbrochen: Es gibt Existenzformen, die denkbar, aber nicht erkennbar sind und umgekehrt. So fruchtbar und sinnvoll die Debatte des Neuen Materialismus für die Findung anderer Existenzformen ist, die nicht die Mensch-Welt-Beziehung als Mittelpunkt haben, so scheint für Povinelli die Materialismusdebatte nicht die einzige zu sein, die sich mit der Frage der Normativität des Nicht-Lebens befasst. Vielleicht weil die Ordnung des Nicht-Lebens nicht dem gleicht, das die Negation des Todes reguliert hat. Die Ordnung des Nicht-Lebens steht in einer Wechselwirkung mit einer immer noch offenen Umwelt, deren Bildung eine Menge Unordnung verursacht.